Walliser Bote, 9.2.2026
In der Silvesternacht im «Le Constellation» starben sechs Italiener. Das ganze Land scheint entrüstet. Warum Crans-Montana für Italien mehr ist als eine Tragödie. Ein Besuch in Domodossola.

Quelle: Keystone
Domodossola an einem nasskalten Vormittag Anfang Februar. Die vor dem Bahnhof Spalier stehenden Schweizer- und Italienfahnen hängen regenbegossen an den Stangen. Eine SBB-Kontrolleurin spaziert den Corso Paolo Ferraris – die Bahnhofstrasse – hinauf in Richtung Altstadt; sie hat Pause zwischen zwei Zugverbindungen in die Schweiz.
Sie ist nicht die einzige Schweizerin in Domodossola. Zwei ältere Oberwalliser verlassen eine der zahlreichen Bars. Einer von ihnen sieht einen italienischen Bekannten, winkt ihm zu und ruft: «Ciao, come va, tutto a posto?»

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Domodossola ist ein Treffpunkt von Italienern und Oberwallisern – ein typisches Pflaster der italienisch-schweizerischen Freundschaft. Doch momentan ist alles etwas schwierig. Oder «tutto a posto e niente in ordine» – alles an seinem Platz, aber nichts in Ordnung, wie der Titel eines bekannten italienischen Films aus den 70ern lautete.
Dabei wurzelt der heutige Zwist in genau jener Ordnung, die diese ungleichen Nachbarn seit jeher zusammenhält.
Als die Legionen des Augustus vor mehr als 2000 Jahren den Grossen Sankt Bernhard bezwangen, brachten sie mehr als nur militärische Macht ins Wallis. Sie brachten die Idee der absoluten Ordnung.
Das Römische Recht, der Weinbau, die gepflasterte Strasse. Sie machten aus einer wilden Gebirgslandschaft eine Provinz der Zivilisation. Für Rom war das Wallis der Beweis, dass man die Welt beherrschen kann, wenn man nur genug Strukturen und Regeln aufstellt.
Über die Jahrhunderte kehrten sich die Vorzeichen um. Rom fiel und Italien erreichte nie wieder den Glanz des alten Imperiums, während die germanischen, nördlichen Nachbarn das Erbe der Akribie übernahmen.
Die Schweiz eignete sich das von den Römern erfundene Rechtsdenken an. Und für die Italiener wurde die Schweiz zum «modernen Rom»: Ein Land, in dem alles wie ein Uhrwerk läuft, und bis ins letzte Detail fein säuberlich geregelt ist.
Doch seit der Silvesternacht von Crans-Montana ist dieser Mythos der Perfektion in Asche zerfallen, wie die italienische Tageszeitung «La Repubblica» schrieb. Italien habe sich die Schweiz als ein Land der Regeln, der Präzision und der akribischen Kontrollen vorgestellt. Die Tragödie im «Le Constellation» sei eine «kulturelle Niederlage» und eine «tragische und grausame Verhöhnung» – all das in einem Land, zu dem man in Italien immer aufgesehen habe.
Die Empörung südlich der Alpen ist gewaltig – nicht nur über die 41 Toten, von denen sechs Italiener waren, sondern über das Versagen eines Systems, das man für unfehlbar hielt.
Die italienischen Medien berichten fortlaufend über Crans-Montana – ohne Zurückhaltung. Neben den französischen Zeitungen waren sie es, die die Vergangenheit des Betreibers der Unglücksbar Le Constellation, Jacques Moretti, ausgruben. Sie waren es, die die Vorgehensweise der Walliser Staatsanwaltschaft so sehr infrage stellten. In Italien, meint «La Repubblica», wäre ein solcher Laden innerhalb von fünf Tagen geschlossen worden; ein Betreiber mit einem Vorstrafenregister wie Moretti hätte dort überhaupt keine Lizenz erhalten und der Wirt wäre nach der Katastrophe direkt verhaftet worden.
«Hätte in der Schweiz nie passieren dürfen»
Costantino Trapani ist ein kleiner älterer Mann. Er wohnt in Domodossola. Trapani steht im Nieselregen auf der Piazza Reppublica dell’Ossola vor dem Gebäude der Stadtgemeinde. Trapani kennt die Schweiz gut – 40 Jahre lang hat er hier gearbeitet. «In der Schweiz läuft vieles korrekt, es gibt viele Regeln und Kontrollen, die viel strikter eingehalten werden als bei uns», sagt er, «in Italien machen alle, was sie wollen.»

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Trapani steht sinnbildlich für die Italiener, die an die Schweiz als das moderne Rom glauben. Auch darum geht das, was passiert ist, einfach nicht in seinen Kopf: «Mit ihren Gesetzen hätte die Tragödie in der Schweiz nie passieren dürfen.»
Auch der junge Massimo Ferrari, 16 Jahre alt, ist an diesem Mittwoch auf den Strassen Domodossolas unterwegs. Er eilt die Via Garibaldi hinunter gen Bahnhof. Da viele Junge unter den Opfern waren, beschäftigt ihn die Tragödie sehr. An den Wochenenden besucht der junge Ferrari oft Diskotheken. «Ich frage mich, wie die Sicherheit hier in Domodossola aussieht.» Dass die italienische Regierung rund um Giorgia Meloni Druck auf die Schweiz ausübt, findet er richtig. Schliesslich handle es sich um eine «globale Tragödie». Dennoch traut er den Schweizern zu, dass der Prozess korrekt geführt wird und die Wahrheit ans Licht kommt. Für Ferrari bleibt die Schweiz eines der sichersten Länder der Welt.
An der Wahrheit interessiert ist ganz Italien. Insbesondere die Regierung. Aus Rom ist immer wieder Kritik zu hören. Die Arbeit der Walliser Staatsanwaltschaft sei nicht schnell, nicht detailliert genug. Die wenigen Obduktionen – nur bei zwei Todesopfern – sind für die Kritiker in Rom momentan einer von mehreren Beweisen ihrer Behauptungen. Hinzu kommt die scheinbar geringe Beweissicherung vonseiten der Staatsanwaltschaft. So seien Informationen im Netz einfach verschwunden und das späte Einvernehmen der Brandschutzkontrolleure sei eine Verhöhnung der Toten. Unerklärlich sei auch, wieso Gemeindepräsident Nicolas Féraud noch immer nicht einvernommen wurde. Die Rede ist gar von einer schützenden Hand über die lokale Elite. Als die Walliser Justiz dann auch noch Jacques Moretti gegen eine Kaution aus der U-Haft entliess, platzte der Regierung in Rom der Kragen.
Sie sprach von einer schweren Beleidigung gegenüber den Opferfamilien. Ministerpräsidentin Giorgia Meloni rief den italienischen Botschafter der Schweiz, Gian Lorenzo Cornado, zurück. Dieser werde so lange nicht nach Bern zurückkehren, bis die Schweiz italienische Ermittler zulasse. Cornado ist bis heute nicht zurückgekehrt.
Nach der Rückbeorderung des Botschafters hat die Walliser Staatsanwaltschaft ein beim Bundesamt für Justiz eingereichtes Rechtshilfegesuch angenommen. Italien will jedoch nicht nur bei den Ermittlungen assistieren, sondern ein gemeinsames Ermittlungsteam.
Dass Moretti auf freiem Fuss ist, ist in Italien ein Skandal. Die Freilassung gegen Kaution existiert im italienischen Strafgesetz nicht. Daher glauben viele Italiener, Moretti hätte sich freigekauft – und in der Schweiz sei mit Geld alles möglich.
Für viele Italiener ist darum klar: Barbetreiber Moretti muss hinter Gitter. Auch wenn nach wie vor die Unschuldsvermutung gilt. Eine Frau, ebenfalls auf der Piazza Repubblica, sagt, Moretti solle nie wieder aus dem Gefängnis rauskommen. Die Frau mit Rollator ist hochbetagt und möchte ihren Namen nicht preisgeben. Früher sei die Schweiz einmal sicher gewesen, sagt sie. «Tempi passati.»
In Italien wird Wut nicht schubladisiert oder in juristische Floskeln kanalisiert. Sie wird gelebt. Wo der Schweizer die Faust im Sack macht oder nur hinter vorgehaltener Hand spricht, ist der Italiener unvermittelter. Was er fühlt, das sagt er. Auch auf der Piazza. Der kollektive Ruf nach Konsequenzen ist hier ein öffentliches Ereignis. Gegenüber Medienschaffenden sprechen sie ganz offen – im Gegensatz zu vielen Menschen in Crans-Montana. Und trotzdem bevorzugen sie es, nicht mit einem Foto in der Presse zu erscheinen.
So viel die Schweizer und Italiener unterscheidet, so viel verbindet sie auch. Zwischen ihnen besteht eine jahrelange Freundschaft, die dieser Tage auf dem Prüfstand steht. Wie bei einem alten Ehepaar – manchmal liegen sie im Streit, manchmal vertragen sie sich. Doch eigentlich gehören sie zusammen.
Die Italianità und das Wallis
Die Italiener sahen sich im nahen Norden jahrzehntelang mit Fremdenhass und Rassismus konfrontiert. Heute scheinen sie die Lieblingseinwanderer der Schweizer zu sein – in jeder Kleinstadt finden sich zahlreiche italienische Lokale und Vereine. Im Wallis ist die Italianità als lebendige Tradition gar immaterielles Kulturerbe.
Doch bis es so weit war, mussten die Italiener einen langen Leidensweg gehen.
Tausende italienische Gastarbeiter haben in der Schweiz Tunnel, Brücken, Strassen gebaut. Die Arbeitsbedingungen waren prekär, teils unmenschlich. Viele starben. Ohne die Italiener wäre die Schweiz nie der moderne Fleck mitten in Europa geworden, der er heute ist.
1965 starben auf der Baustelle des Mattmark-Staudamms 56 Italiener. Einer davon war Costantino Trapanis Vetter.
Wie die Walliser Justiz mit der Tragödie umging, war und ist bis heute höchst fragwürdig. 60 Jahre lang wartete Italien auf eine offizielle Entschuldigung. Erst im vergangenen Jahr bat Staatsratspräsident Mathias Reynard anlässlich der 60-Jahr-Gedenkfeier die Italiener um Vergebung. Trapani zumindest nimmt die Tragödie von damals dem Wallis nicht übel: «Mattmark war nicht vorhersehbar, im Gegensatz zu Crans-Montana.»
Als weiterer Tiefpunkt in der schweizerisch-italienischen Beziehung gilt die Aussage des damaligen Führers der italienischen Faschisten Benito Mussolini. Er bezeichnete 1938 die Schweiz als «Irrtum auf der Landkarte». Er wollte sie ausradieren. Heute wird Italien mitunter von einer postfaschistischen Partei regiert: der Fratelli d’Italia. Auf ihrem Logo prangt die «fiamma tricolore», ein faschistisches Symbol, das vom Movimento Sociale Italiano (MSI) stammt, den Getreuen Mussolinis nach dem Krieg. Die Flamme steht für das ewige Feuer auf dem Grab des Diktators.
Nicht, dass Giorgia Meloni die Schweiz ausradieren wollte. Doch diplomatisch gesehen befinden sich Italien und die Schweiz derzeit in einer Eiszeit – so angespannt war die Beziehung lange Zeit nicht mehr. Oder es scheint zumindest so – nimmt man die Voten aus Rom ernst und interpretiert sie nicht als politische Inszenierung.
Der klassische Populismus Roms
Ob Italien von seinen eigenen Problemen ablenken will?
Zumindest brodelt es im Inneren Italiens: Nicht alle sind mit Melonis rechter Law-and-Order-Politik einverstanden, das Land ist gespalten. Die Regierung betreibt Nationalismus, beschneidet den Sozialstaat, während die horrende Verschuldung des Staates weiter steigt und die soziale Schere weiter aufgeht.
Da scheint der Regierung ein Auslandsereignis wie jenes in Crans-Montana gerade recht zu kommen. Was Rom betreibt, ist klassischer Sozialimperialismus: den Fokus bewusst von der Innenpolitik auf die Aussenpolitik lenken. Das stiftet Identität. Wir – die Italiener – gegen sie – den Rest der Welt. Oder gegen die Schweiz, gegen das Wallis.
So findet es denn auch Costantino Trapani «korrekt», dass die italienische Regierung massiven Druck auf die Schweiz und die Walliser Justiz ausübt. Schliesslich würden mehrere Brandopfer verletzt im Spital in Mailand liegen. Trapani übernimmt wie so viele Italiener das Narrativ der italienischen Regierung und der Medien. Doch nicht alle im Land ticken so.

Quelle: Cartoon Gabriel Giger
Franco Cantello etwa. Der ältere Kellner kommt aus Süditalien und lebt seit Jahren in Domodossola. Er sagt: «Italien soll sich nicht in die Angelegenheiten der Schweiz einmischen.» In seinen Augen dürfte der Barbesitzer nicht der einzige Verantwortliche für die Katastrophe sein. Wer trägt wirklich die Verantwortung? Die Gemeinde, die Feuerpolizei? Nicht eine Einzelperson sei verantwortlich, sondern ein ganzer Apparat, ein System dahinter. Das müsse jetzt geklärt werden, so Cantello.
Zur Katastrophe sei es aufgrund einer Reihe an Mängel gekommen. Das Image der Schweiz als Saubermann hat sich für Cantello deswegen aber nicht verändert – das könne überall passieren. Ob Moretti nun in Haft sitzt oder nicht, ist ihm einerlei. Das ändere nichts daran, dass 41 Menschen tot seien: «Sie werden dadurch auch nicht mehr lebendig.»
Die «perfekte Schweiz» mag in den Köpfen mancher Italiener gefallen sein. Doch wie «La Repubblica» selbst schrieb, handelt es sich bei diesem Fremdbild ohnehin um einen Mythos – und es stellt sich die Frage, wie etwas fallen kann, das gar nie echt war.
Auch Rom fiel nicht an einem Tag. Der Untergang des Imperiums ist selbst ein Mythos: kein punktuelles Ereignis, sondern das schleichende Erodieren eines Reiches, das zu gross und zu dekadent geworden war. Rom war nie so makellos, wie es die Geschichtsbücher heute malen. Und die Schweiz war nie so sicher, wie es die Italiener bis vor Kurzem glaubten.
Menschen brauchen diese Erzählungen von absoluter Ordnung, um sich in einer chaotischen Welt sicher zu fühlen. Doch in der Brandnacht von Crans-Montana ist die moderne Schweiz nicht gefallen, sie wurde lediglich entzaubert.
Währenddessen sind die Schweizer- und Italienfahnen am Bahnhof immer noch klatschnass. Regungslos hängen sie dort. Und stehen nebeneinander, während es weiter regnet.












































































