Autor: Mauro

  • Italien und die Schweiz: Momentan ist alles etwas schwierig

    Italien und die Schweiz: Momentan ist alles etwas schwierig

    Walliser Bote, 9.2.2026

    In der Silvesternacht im «Le Constellation» starben sechs Italiener. Das ganze Land scheint entrüstet. Warum Crans-Montana für Italien mehr ist als eine Tragödie. Ein Besuch in Domodossola.

    Italien und die Schweiz: Die Freundschaft ist alt, doch momentan schwierig.
    Quelle: Keystone

    Domodossola an einem nasskalten Vormittag Anfang Februar. Die vor dem Bahnhof Spalier stehenden Schweizer- und Italienfahnen hängen regenbegossen an den Stangen. Eine SBB-Kontrolleurin spaziert den Corso Paolo Ferraris – die Bahnhofstrasse – hinauf in Richtung Altstadt; sie hat Pause zwischen zwei Zugverbindungen in die Schweiz.

    Sie ist nicht die einzige Schweizerin in Domodossola. Zwei ältere Oberwalliser verlassen eine der zahlreichen Bars. Einer von ihnen sieht einen italienischen Bekannten, winkt ihm zu und ruft: «Ciao, come va, tutto a posto?»

    Schweizer- und Italienfahnen zieren den Vorplatz des Bahnhofs in Domodossola.
    Quelle: pomona.media

    Domodossola ist ein Treffpunkt von Italienern und Oberwallisern – ein typisches Pflaster der italienisch-schweizerischen Freundschaft. Doch momentan ist alles etwas schwierig. Oder «tutto a posto e niente in ordine» – alles an seinem Platz, aber nichts in Ordnung, wie der Titel eines bekannten italienischen Films aus den 70ern lautete.

    Dabei wurzelt der heutige Zwist in genau jener Ordnung, die diese ungleichen Nachbarn seit jeher zusammenhält.

    Als die Legionen des Augustus vor mehr als 2000 Jahren den Grossen Sankt Bernhard bezwangen, brachten sie mehr als nur militärische Macht ins Wallis. Sie brachten die Idee der absoluten Ordnung.

    Das Römische Recht, der Weinbau, die gepflasterte Strasse. Sie machten aus einer wilden Gebirgslandschaft eine Provinz der Zivilisation. Für Rom war das Wallis der Beweis, dass man die Welt beherrschen kann, wenn man nur genug Strukturen und Regeln aufstellt.

    Über die Jahrhunderte kehrten sich die Vorzeichen um. Rom fiel und Italien erreichte nie wieder den Glanz des alten Imperiums, während die germanischen, nördlichen Nachbarn das Erbe der Akribie übernahmen.

    Die Schweiz eignete sich das von den Römern erfundene Rechtsdenken an. Und für die Italiener wurde die Schweiz zum «modernen Rom»: Ein Land, in dem alles wie ein Uhrwerk läuft, und bis ins letzte Detail fein säuberlich geregelt ist.

    Doch seit der Silvesternacht von Crans-Montana ist dieser Mythos der Perfektion in Asche zerfallen, wie die italienische Tageszeitung «La Repubblica» schrieb. Italien habe sich die Schweiz als ein Land der Regeln, der Präzision und der akribischen Kontrollen vorgestellt. Die Tragödie im «Le Constellation» sei eine «kulturelle Niederlage» und eine «tragische und grausame Verhöhnung» – all das in einem Land, zu dem man in Italien immer aufgesehen habe.

    Die Empörung südlich der Alpen ist gewaltig – nicht nur über die 41 Toten, von denen sechs Italiener waren, sondern über das Versagen eines Systems, das man für unfehlbar hielt.

    Die italienischen Medien berichten fortlaufend über Crans-Montana – ohne Zurückhaltung. Neben den französischen Zeitungen waren sie es, die die Vergangenheit des Betreibers der Unglücksbar Le Constellation, Jacques Moretti, ausgruben. Sie waren es, die die Vorgehensweise der Walliser Staatsanwaltschaft so sehr infrage stellten. In Italien, meint «La Repubblica», wäre ein solcher Laden innerhalb von fünf Tagen geschlossen worden; ein Betreiber mit einem Vorstrafenregister wie Moretti hätte dort überhaupt keine Lizenz erhalten und der Wirt wäre nach der Katastrophe direkt verhaftet worden.

    «Hätte in der Schweiz nie passieren dürfen»

    Costantino Trapani ist ein kleiner älterer Mann. Er wohnt in Domodossola. Trapani steht im Nieselregen auf der Piazza Reppublica dell’Ossola vor dem Gebäude der Stadtgemeinde. Trapani kennt die Schweiz gut – 40 Jahre lang hat er hier gearbeitet. «In der Schweiz läuft vieles korrekt, es gibt viele Regeln und Kontrollen, die viel strikter eingehalten werden als bei uns», sagt er, «in Italien machen alle, was sie wollen.»

    Die regnerische Piazza Repubblica dell’Ossola in Domodossola.
    Quelle: pomona.media

    Trapani steht sinnbildlich für die Italiener, die an die Schweiz als das moderne Rom glauben. Auch darum geht das, was passiert ist, einfach nicht in seinen Kopf: «Mit ihren Gesetzen hätte die Tragödie in der Schweiz nie passieren dürfen.»

    Auch der junge Massimo Ferrari, 16 Jahre alt, ist an diesem Mittwoch auf den Strassen Domodossolas unterwegs. Er eilt die Via Garibaldi hinunter gen Bahnhof. Da viele Junge unter den Opfern waren, beschäftigt ihn die Tragödie sehr. An den Wochenenden besucht der junge Ferrari oft Diskotheken. «Ich frage mich, wie die Sicherheit hier in Domodossola aussieht.» Dass die italienische Regierung rund um Giorgia Meloni Druck auf die Schweiz ausübt, findet er richtig. Schliesslich handle es sich um eine «globale Tragödie». Dennoch traut er den Schweizern zu, dass der Prozess korrekt geführt wird und die Wahrheit ans Licht kommt. Für Ferrari bleibt die Schweiz eines der sichersten Länder der Welt.

    An der Wahrheit interessiert ist ganz Italien. Insbesondere die Regierung. Aus Rom ist immer wieder Kritik zu hören. Die Arbeit der Walliser Staatsanwaltschaft sei nicht schnell, nicht detailliert genug. Die wenigen Obduktionen – nur bei zwei Todesopfern – sind für die Kritiker in Rom momentan einer von mehreren Beweisen ihrer Behauptungen. Hinzu kommt die scheinbar geringe Beweissicherung vonseiten der Staatsanwaltschaft. So seien Informationen im Netz einfach verschwunden und das späte Einvernehmen der Brandschutzkontrolleure sei eine Verhöhnung der Toten. Unerklärlich sei auch, wieso Gemeindepräsident Nicolas Féraud noch immer nicht einvernommen wurde. Die Rede ist gar von einer schützenden Hand über die lokale Elite. Als die Walliser Justiz dann auch noch Jacques Moretti gegen eine Kaution aus der U-Haft entliess, platzte der Regierung in Rom der Kragen.

    Sie sprach von einer schweren Beleidigung gegenüber den Opferfamilien. Ministerpräsidentin Giorgia Meloni rief den italienischen Botschafter der Schweiz, Gian Lorenzo Cornado, zurück. Dieser werde so lange nicht nach Bern zurückkehren, bis die Schweiz italienische Ermittler zulasse. Cornado ist bis heute nicht zurückgekehrt.

    Nach der Rückbeorderung des Botschafters hat die Walliser Staatsanwaltschaft ein beim Bundesamt für Justiz eingereichtes Rechtshilfegesuch angenommen. Italien will jedoch nicht nur bei den Ermittlungen assistieren, sondern ein gemeinsames Ermittlungsteam.

    Dass Moretti auf freiem Fuss ist, ist in Italien ein Skandal. Die Freilassung gegen Kaution existiert im italienischen Strafgesetz nicht. Daher glauben viele Italiener, Moretti hätte sich freigekauft – und in der Schweiz sei mit Geld alles möglich.

    Für viele Italiener ist darum klar: Barbetreiber Moretti muss hinter Gitter. Auch wenn nach wie vor die Unschuldsvermutung gilt. Eine Frau, ebenfalls auf der Piazza Repubblica, sagt, Moretti solle nie wieder aus dem Gefängnis rauskommen. Die Frau mit Rollator ist hochbetagt und möchte ihren Namen nicht preisgeben. Früher sei die Schweiz einmal sicher gewesen, sagt sie. «Tempi passati.»

    In Italien wird Wut nicht schubladisiert oder in juristische Floskeln kanalisiert. Sie wird gelebt. Wo der Schweizer die Faust im Sack macht oder nur hinter vorgehaltener Hand spricht, ist der Italiener unvermittelter. Was er fühlt, das sagt er. Auch auf der Piazza. Der kollektive Ruf nach Konsequenzen ist hier ein öffentliches Ereignis. Gegenüber Medienschaffenden sprechen sie ganz offen – im Gegensatz zu vielen Menschen in Crans-Montana. Und trotzdem bevorzugen sie es, nicht mit einem Foto in der Presse zu erscheinen.

    So viel die Schweizer und Italiener unterscheidet, so viel verbindet sie auch. Zwischen ihnen besteht eine jahrelange Freundschaft, die dieser Tage auf dem Prüfstand steht. Wie bei einem alten Ehepaar – manchmal liegen sie im Streit, manchmal vertragen sie sich. Doch eigentlich gehören sie zusammen.

    Die Italianità und das Wallis

    Die Italiener sahen sich im nahen Norden jahrzehntelang mit Fremdenhass und Rassismus konfrontiert. Heute scheinen sie die Lieblingseinwanderer der Schweizer zu sein – in jeder Kleinstadt finden sich zahlreiche italienische Lokale und Vereine. Im Wallis ist die Italianità als lebendige Tradition gar immaterielles Kulturerbe.

    Doch bis es so weit war, mussten die Italiener einen langen Leidensweg gehen.

    Tausende italienische Gastarbeiter haben in der Schweiz Tunnel, Brücken, Strassen gebaut. Die Arbeitsbedingungen waren prekär, teils unmenschlich. Viele starben. Ohne die Italiener wäre die Schweiz nie der moderne Fleck mitten in Europa geworden, der er heute ist.

    1965 starben auf der Baustelle des Mattmark-Staudamms 56 Italiener. Einer davon war Costantino Trapanis Vetter.

    Wie die Walliser Justiz mit der Tragödie umging, war und ist bis heute höchst fragwürdig. 60 Jahre lang wartete Italien auf eine offizielle Entschuldigung. Erst im vergangenen Jahr bat Staatsratspräsident Mathias Reynard anlässlich der 60-Jahr-Gedenkfeier die Italiener um Vergebung. Trapani zumindest nimmt die Tragödie von damals dem Wallis nicht übel: «Mattmark war nicht vorhersehbar, im Gegensatz zu Crans-Montana.»

    Als weiterer Tiefpunkt in der schweizerisch-italienischen Beziehung gilt die Aussage des damaligen Führers der italienischen Faschisten Benito Mussolini. Er bezeichnete 1938 die Schweiz als «Irrtum auf der Landkarte». Er wollte sie ausradieren. Heute wird Italien mitunter von einer postfaschistischen Partei regiert: der Fratelli d’Italia. Auf ihrem Logo prangt die «fiamma tricolore», ein faschistisches Symbol, das vom Movimento Sociale Italiano (MSI) stammt, den Getreuen Mussolinis nach dem Krieg. Die Flamme steht für das ewige Feuer auf dem Grab des Diktators.

    Nicht, dass Giorgia Meloni die Schweiz ausradieren wollte. Doch diplomatisch gesehen befinden sich Italien und die Schweiz derzeit in einer Eiszeit – so angespannt war die Beziehung lange Zeit nicht mehr. Oder es scheint zumindest so – nimmt man die Voten aus Rom ernst und interpretiert sie nicht als politische Inszenierung.

    Der klassische Populismus Roms

    Ob Italien von seinen eigenen Problemen ablenken will?

    Zumindest brodelt es im Inneren Italiens: Nicht alle sind mit Melonis rechter Law-and-Order-Politik einverstanden, das Land ist gespalten. Die Regierung betreibt Nationalismus, beschneidet den Sozialstaat, während die horrende Verschuldung des Staates weiter steigt und die soziale Schere weiter aufgeht.

    Da scheint der Regierung ein Auslandsereignis wie jenes in Crans-Montana gerade recht zu kommen. Was Rom betreibt, ist klassischer Sozialimperialismus: den Fokus bewusst von der Innenpolitik auf die Aussenpolitik lenken. Das stiftet Identität. Wir – die Italiener – gegen sie – den Rest der Welt. Oder gegen die Schweiz, gegen das Wallis.

    So findet es denn auch Costantino Trapani «korrekt», dass die italienische Regierung massiven Druck auf die Schweiz und die Walliser Justiz ausübt. Schliesslich würden mehrere Brandopfer verletzt im Spital in Mailand liegen. Trapani übernimmt wie so viele Italiener das Narrativ der italienischen Regierung und der Medien. Doch nicht alle im Land ticken so.

    Manche Italiener erkennen die Doppelmoral aus Rom selbst.
    Quelle: Cartoon Gabriel Giger

    Franco Cantello etwa. Der ältere Kellner kommt aus Süditalien und lebt seit Jahren in Domodossola. Er sagt: «Italien soll sich nicht in die Angelegenheiten der Schweiz einmischen.» In seinen Augen dürfte der Barbesitzer nicht der einzige Verantwortliche für die Katastrophe sein. Wer trägt wirklich die Verantwortung? Die Gemeinde, die Feuerpolizei? Nicht eine Einzelperson sei verantwortlich, sondern ein ganzer Apparat, ein System dahinter. Das müsse jetzt geklärt werden, so Cantello.

    Zur Katastrophe sei es aufgrund einer Reihe an Mängel gekommen. Das Image der Schweiz als Saubermann hat sich für Cantello deswegen aber nicht verändert – das könne überall passieren. Ob Moretti nun in Haft sitzt oder nicht, ist ihm einerlei. Das ändere nichts daran, dass 41 Menschen tot seien: «Sie werden dadurch auch nicht mehr lebendig.»

    Die «perfekte Schweiz» mag in den Köpfen mancher Italiener gefallen sein. Doch wie «La Repubblica» selbst schrieb, handelt es sich bei diesem Fremdbild ohnehin um einen Mythos – und es stellt sich die Frage, wie etwas fallen kann, das gar nie echt war.

    Auch Rom fiel nicht an einem Tag. Der Untergang des Imperiums ist selbst ein Mythos: kein punktuelles Ereignis, sondern das schleichende Erodieren eines Reiches, das zu gross und zu dekadent geworden war. Rom war nie so makellos, wie es die Geschichtsbücher heute malen. Und die Schweiz war nie so sicher, wie es die Italiener bis vor Kurzem glaubten.

    Menschen brauchen diese Erzählungen von absoluter Ordnung, um sich in einer chaotischen Welt sicher zu fühlen. Doch in der Brandnacht von Crans-Montana ist die moderne Schweiz nicht gefallen, sie wurde lediglich entzaubert.

    Währenddessen sind die Schweizer- und Italienfahnen am Bahnhof immer noch klatschnass. Regungslos hängen sie dort. Und stehen nebeneinander, während es weiter regnet.

  • Crans-Montana während des Ski-Weltcups: Ein Ort zwischen Schwärmen und Schweigen

    Crans-Montana während des Ski-Weltcups: Ein Ort zwischen Schwärmen und Schweigen

    Walliser Bote, 1.2.2026

    Ein Monat nach der Brandkatastrophe steht Crans-Montana im Zeichen des Ski-Weltcups. Eine Reportage aus einem Dorf zwischen Freud und Leid.

    Gute Stimmung trotz tristem Hintergrund: Das gezeichnete Crans-Montana konnte am Samstag für einmal durchatmen – und sich freuen.
    Quelle: Keystone

    Ein Raunen geht durch die Zuschauerränge. Erst leise, dann immer lauter. Es schlägt um in Getöse, während Malorie Blanc durch die Tore fährt und immer schneller wird. Die Zwischenzeiten sind gut, die Zuschauer beginnen zu rufen, zu schreien. Zu johlen.

    Dann erreicht Blanc die Ziellinie. Bestzeit. Die Walliserin ist ausser sich. Und mit ihr das Publikum. Es ist, als bräche ein Damm. Tausende Schweizer- und Walliserfahnen wehen wild im Wind, die Menschen geraten in Ekstase.

    Der Jubel des Publikums ist gewaltig.
    Quelle: Keystone

    Es sind schier unbeschreibliche Emotionen, die in Crans-Montana hochgehen. Gefühlsausbrüche, voller Freude und Jubel, die so noch vor wenigen Tagen und Wochen in diesem schicksalshaften Orte keiner für möglich gehalten hätte.

    Nur kurze Zeit später steht die Sensation fest: Niemand kommt an Malorie Blancs Bestzeit heran. Blanc holt mit dem ersten Platz im Super-G von Crans-Montana ihren ersten Weltcupsieg. Und das vor heimischen Publikum: Blanc stammt aus dem Dorf Ayent, das sich ganz in der Nähe befindet. Blancs Premierensieg ist Balsam auf die so sehr geschundene Walliser Seele. Ein Lichtblick in Zeiten der Trauer.

    Alle fragten sich im Vorfeld des Ski-Weltcups auf dem Hochplateau, ob Freude und Jubel nur einen Monat nach der Brandkatastrophe angemessen sind. Der Katastrophe, die 40 Menschenleben kostet und mehr als hundert grösstenteils Schwerverletzte zurückliess. Viele sagten, es darf und soll gejubelt werden am Weltcup, darunter auch der lokale Tourismusdirektor Bruno Huggler. Sie sollten recht behalten.

    Und trotzdem ist der Schmerz nicht verschwunden. Er wurde für einen Moment lang übertüncht.

    Während das Barzettes-Stadium im Trubel versinkt, scheint sich das Leben in Crans an der Rue Centrale normalisiert zu haben. Die Hunderten Journalisten, die sich noch vor wenigen Wochen hier herumtrieben, sind weg. Nur ein Kameramann und eine Reporterin stehen vor dem Lokal, das als die Unglücksbar von Crans-Montana in die Geschichte einging: «Le Constellation».

    Der Name der Bar ist verschwunden. Genauso wie die Absperrungen. Nur die Blumen, die auf der Treppe vor dem Lokal liegen, erinnern an die Schreckensnacht vor einem Monat. Es ist, als hätte man die Spuren tilgen wollen. «Es muss weitergehen», sagte Huggler gegenüber zahlreichen Medien. Fast schon gebetsmühlenartig. Immer und immer wieder dieser Satz.

    Der Name der Bar ist verschwunden. Vor dem Lokal erinnern nur die Blumen an die Tragödie.
    Quelle: pomona.media

    Und es ging weiter. «Es ist schön, dich lächeln zu sehen», sagt eine Verkäuferin einer Frau in einem Laden neben dem «Constellation». «Dans cette période triste». Die Frau kauft Blumen. Sie legt sie vor der Bar nieder, während einige Touristen vorbeigehen. Ein Mann hält vor dem Lokal inne. Es ist ein Einheimischer. Er will, wie viele Menschen im Dorf, nicht oder nicht mehr mit den Medien sprechen.

    Immer wieder halten Menschen vor dem Unglückslokal inne. Eine Frau legt einen Blumenstrauss nieder.
    Quelle: pomona.media

    Ein anderer Passant schaut argwöhnisch die Reporterin und den Kameramann an. Er schüttelt den Kopf und geht weiter. Viele haben genug von den Journalisten. Sie haben Crans-Montana belagert, ausgesaugt. Sie haben viel geschrieben. Manches davon war spekulativ, teils unwürdig.

    Redseliger als die Einheimischen sind die Menschen beim Barzettes-Stadium. Vor der Eingangskontrolle befindet sich ein Platz mit Essens- und Getränkeständen. Kleine Animationen werden angeboten. Aus den Lautsprechern dröhnt laute Musik. Im Hintergrund ist die Weltcuppiste zu sehen. Die ersten Vorfahrer sausen den Hang hinunter.

    Auf dem Platz tummeln sich zahlreiche Fans. Einer davon ist Sergio. Er ist Teil einer fünfzehnköpfigen Gruppe, die aus dem Raum Zürich, der Ostschweiz und Graubünden kommt. Und immer wieder Skirennen schauen geht. In Crans-Montana war die Gruppe noch nie. Sergio sagt: «Wir wollten die Destination testen, ob sie was für die Weltmeisterschaft nächstes Jahr taugt.»

    Die Brandkatastrophe hatte dabei keinen Einfluss auf die Pläne der Gruppe. Sergio ist Bündner und kommt selber aus einer Tourismusregion: «Wir wissen, wie wichtig es ist, dass das Leben für die Betriebe und die Menschen weitergeht.» Sergio ist gut gelaunt und schwärmt von der guten Stimmung. Trauer äussere sich bei ihm nicht wie bei anderen Leuten, sagt er: «Ich finde, man sollte das Leben feiern.» Mit Respekt, fügt er an – doch dieses Bewusstsein sei in Crans-Montana vorhanden.

    Bestens gelaunt: Sergio (ganz rechts) und seine Gruppe.
    Quelle: pomona.media

    So verzichten Sergio und seine Freunde auch nicht aufs Jubeln und Feiern. «Wir haben noch andere Tragödien auf dieser Welt. Auch vor unserer Haustüre, wenn man etwa an den Krieg in Europa denkt. Wenn wir alle den Kopf in den Sand stecken, was haben wir dann noch?»

    Trotzdem nimmt es Sergio in Crans-Montana eher gemütlich: «Ein Kitzbühel habe ich sowieso nicht erwartet. Sondern etwas Gemütliches mit Fondue, nicht ein Ballermann-Après-Ski-Fest.» Die Gruppe habe sich aufgrund der Katastrophe und der Trauer im Dorf kaum anpassen müssen.

    Die Gruppe amüsiert sich prächtig. Wie viele der Fans. Sie konzentrieren sich auf das Sportliche und das Fest.

    Die Fans konzentrieren sich auf das Sportliche.
    Quelle: pomona.media

    Auch eine junge Familie aus dem Kanton Zug ist vor Ort. Sie hat kurzfristig entschieden, nach Crans-Montana zu reisen. Denn unter den Rennfahrerinnen befinde sich eine Bekannte der Familie. Diese muss natürlich angefeuert und bejubelt werden – Katastrophe hin oder her.

    Fabian, der Familienvater, sagt, die Tragödie habe keinen Einfluss auf ihr Programm gehabt. Dass das Rahmenprogramm wegfällt, versteht er. «Es ist eine Gratwanderung. Ich hätte auch verstanden, wenn die Rennen abgesagt worden wären.» Fabian war schon vor einigen Jahren einmal in Crans-Montana. «Damals war mehr los, mehr Halligalli.» Doch so wie es jetzt sei, sei es angemessen.

    Ob das auch alle Menschen in Crans-Montana teilen würden, lässt sich bezweifeln. Man trifft vorderhand zwei Arten von Menschen: Jene, die schwärmen, und jene die schweigen. Beide haben damit recht.

    Die Menschen, die den Rennen beiwohnen, sie sind nicht zum Trauern hier. Sondern zum Feiern. Doch sie sind nicht die Einzigen, die am Samstag in Crans-Montana unterwegs sind.

    Neben Fans und dem ganzen Skizirkus sind auch viele Touristen auf den Strassen. Manche gehen auf die Piste, viele gehen nach Hause. Es ist Samstag, Reisetag. Obwohl manche Gäste ihren Aufenthalt storniert oder verschoben haben, herrscht Hochbetrieb in der Skidestination.

    Doch nicht alle fahren Ski oder gucken den Profis dabei zu. Ein Ehepaar aus dem Kanton St. Gallen ist im Dorf, um zu spazieren. Es besitzt ein Haus in Salgesch. In der Silvesternacht war es in Crans-Montana. Der Ehemann sagt: «Wir gingen kurz nach Mitternacht nach Hause und erfuhren erst am nächsten Tag aus den Medien von der Katastrophe.» Das Skirennen schaut sich das Paar nicht an. Das hätte es jedoch getan, hätte es noch Tickets oder eine Grossleinwand gegeben.

    Die Rennen stattfinden zu lassen, sei die richtige Entscheidung gewesen, sagt der St. Galler. «Es ist wichtig, dass man langsam zurück ins normale Leben kommt.» Sonst müsse man ja alles absagen, auch andere Sportevents in Crans-Montana.

    Ein Mann, der sein Leben in Normalität zu leben scheint, joggt im Pullover durch die Strassen von Crans. Sein Fokus gilt nur seinem Lauf. Die Welt um ihn herum ist Nebensache. Er läuft und läuft weiter, ohne zur Seite zu blicken. «Es muss weitergehen.»

    Das Wetter ist am Samstag bestens. Der Nebel, der Crans-Montana am nationalen Trauertag noch eingehüllt hatte, ist weg. Die Frage ist bloss, bis wann. «Sport verbindet und weckt positive Emotionen», sagte Huggler diese Woche gegenüber dieser Zeitung. Das ist wahr – doch wie lange hält das Hoch?

    Die Rennen in Crans-Montana, die im kleinen und respektvollen Rahmen gehaltene Feier – sie lässt das Dorf aufatmen. Und für einen Moment lang vergessen, was ihm widerfahren ist. Ein Lachen in einer Zeit des Weinens.

    Und dass eine Walliserin, dazu noch so jung und voller Tatendrang, den Super-G gewinnt, setzt der Bitterkeit dieser Tage einen Moment purer Lebenskraft entgegen.

    Malorie Blanc hat viele Fans, die guter Laune sind.
    Quelle: Keystone

    Für einen Moment scheint die Welt in Crans-Montana wieder heil. Doch nur weil jene, die schwärmen und strahlen, lauter sind als jene, die schweigen und trauern, ist sie das nicht. Freud und Leid liegen manchmal nahe beieinander.

    Es sind zwei Welten, die koexistieren. Das dürfen und müssen sie.

    Blumen vor dem «Le Constellation» erinnern an die 40 Todesopfer und 116 Verletzten.
    Quelle: pomona.media

  • Tausende gedenken in Crans-Montana der Opfer und Verletzten

    Tausende gedenken in Crans-Montana der Opfer und Verletzten

    Walliser Bote, 10.01.2026

    Die gesamte Schweiz trauert um die 40 Toten und mehr als 100 Verletzten von Crans-Montana. Auch am Ort der Tragödie – wo die Trauer besonders gross ist.

    Mehr als Tausend Menschen verfolgen in Crans-Montana die Trauerfeier. Auf dem Bildschirm oben links: Staatsratspräsident Mathias Reynard.
    Quelle: Keystone

    Könnten Tränen heilen, lebten wir in einer heilen Welt. So viele Tränen wurden in den vergangenen Tagen vergossen. In der ganzen Schweiz, im Ausland, aber vor allem in Crans-Montana, dem Ort der Brandkatastrophe, wo vor mehr als einer Woche 40 Menschen ihr Leben liessen und mehr als 100 weitere schwer verletzt wurden.

    Doch die Welt ist nicht heil. Sie ist, in William Shakespeares Worten gesprochen, aus den Fugen.

    Am Freitag fand in Crans-Montana, wie im ganzen Lande, der von Bundespräsident Guy Parmelin ausgerufene nationale Trauertag in Gedenken an die Opfer und Verletzten von Crans-Montana statt. Des Wetters und der Sicherheitsbedenken wegen wurde die Feier im CERM in Martinach abgehalten. Doch die Zeremonie wurde in Crans-Montana live übertragen, auf drei Grossbildschirmen, an verschiedenen Standorten. Tausende waren dabei.

    Auch acht Tage nach der Tragödie ist das sich in der Hochsaison befindende Crans-Montana voller Polizisten und Journalisten. Doch auf den Terrassen sind an diesem Freitag – im Gegensatz zu den ersten sonnigen Tagen des Jahres – keine johlenden Touristen beim Apéro auszumachen. Ein Schleier hängt über Crans-Montana. Es ist nur Nebel, doch er scheint wie eine Trauerdecke über dem Ort zu liegen.

    Das Dorf ist winterlich gekleidet, es schneit. Ein kalter Wind zieht durch die Strassen. Die Menschen, dick eingepackt, die meisten in Schwarz, viele von ihnen tragen Blumen, strömen in Scharen zum Kongresszentrum Le Régent und zur Place du Scandia.

    Trauernde tragen Blumen.
    Quelle: pomona.media

    Die Verantwortlichen sprachen im Vorfeld von 1300 bis 1500 Personen im Kongresszentrum Le Régent. Die Feier ist anmeldepflichtig und war schon Tage zuvor ausgebucht, weshalb sich weitere Hunderte Menschen auf der Place du Scandia neben der Kirche einfinden, um der Feier bei Wind und Schneefall beizuwohnen. Vor allem Einheimische, aber auch Menschen aus der Region Sitten und Siders sowie Gäste aus nah und fern nehmen daran teil.

    Noch vor Beginn der Übertragung geht ein Raunen durch die Pressetribüne. Der Gemeindepräsident von Crans-Montana, Nicolas Féraud, von den Medien gescholten, getrieben und beinahe zerfleischt, legt in der Turnhalle Le Régent einen Kranz nieder. Dutzende Kerzen brennen unter dem Grossbildschirm. Während sie leuchten, sind die Lichter der 40 verstorbenen und vorwiegend jungen Menschen für immer erloschen. Es herrscht andächtige Stille in der Turnhalle, die sonst Schauplatz für Spiel, Spass und Leben der Jugend ist.

    Ein erstes Mal laut wird es, als die zahlreichen Rettungskräfte – Feuerwehrleute, Samariter, First Responder – den Raum betreten. Die Menschen stehen auf und applaudieren. Damit erweisen sie ihnen Respekt.

    Standing Ovations in der Turnhalle.
    Quelle: pomona.media

    In den ersten Tagen nach der Katastrophe sprachen Betroffene und Rettungskräfte davon, dass man zu Beginn einfach funktioniert. Das Nachdenken, das Sinnieren, das Suchen nach einer Erklärung kommt erst später.

    Die unzähligen Journalisten, die in den vergangenen Tagen Crans-Montana und die Region überfluteten, sie haben viel geschrieben. Viel spekuliert, viel konstruiert und gar fingiert. Nach wenigen Tagen war alle pietätvolle Zurückhaltung verflogen. Doch am nationalen Trauertag rückt all das in den Hintergrund. Es ist an der Zeit, innezuhalten, zu gedenken – zu trauern.

    Zahlreiche Rettungskräfte sind im Le Régent zugegen.
    Quelle: pomona.media

    Während Staatsratspräsident Mathias Reynard, der durch seine empathisch-authentische Art so viele Herzen zu erreichen vermag, und Bundespräsident Guy Parmelin ihre Ansprachen halten, herrscht im Le Régent Totenstille. Reynards Worte, in vier Sprachen gesprochen, dürften bei zahlreichen Anwesenden Gänsehaut auslösen.

    Viele Menschen halten Hände, liegen sich in den Armen. Nicht wenige halten Taschentücher in der Hand und vor dem Gesicht, vielen kommen die Tränen. Es sind viele trauernde Angehörige in Crans-Montana. Die hier zusammengekommene Gemeinschaft, sie wirkt familiär. Viele kennen sich. Und viele kannten jene, die nicht mehr sind.

    Andere verschränken die Arme vor der Brust, als würden sie sich trotzig weigern, das zu akzeptieren, was geschehen ist.

    Die Menge applaudiert ein zweites Mal, als drei Jugendliche Reden halten. Die Jugend ehrt die Jugend. Die erste Rednerin sagt, sie sei vis-à-vis des Lokals Le Constellation gewesen, als es zur Katastrophe kam. Nach dem Applaus herrscht wieder Stille.

    Nach etwas mehr als anderthalb Stunden endet die Übertragung aus Martinach. Während dort weisse Rosen niedergelegt werden, trösten sich die Menschen im Le Régent. Dann verlassen sie die Halle.

    Menschen liegen sich in Crans-Montana in den Armen.
    Quelle: Keystone

    Die Opfer von Crans-Montana werden Jahrhunderte in Erinnerung bleiben. So bleiben sie lebendig, genau wie Shakespeare und seine Worte auch heute noch lebendig sind, vier Jahrhunderte nach seinem Tod.

    Nach der Trauerfeier zerstreuen sich die Tausenden Trauernden. Noch immer hängt der Nebel über Crans-Montana. An manchen Stellen hat er sich jedoch gelichtet.

    Viele weinen, trauern weiter. Die Vorkommnisse aufzuarbeiten, wird dauern, doch manche bringen allem Leid zum Trotz ein Lächeln, manche gar ein Lachen über die Lippen. Sie teilen das Erlebte, reden darüber. Gib Worte deinem Schmerz, schrieb Shakespeare in Macbeth, denn Gram, der nicht spricht, presst das beladene Herz, bis dass es bricht.

  • Crans-Montana: Das Dorf, in dem Tragödie auf Tourismus trifft

    Crans-Montana: Das Dorf, in dem Tragödie auf Tourismus trifft

    Walliser Bote, 3.1.2026

    Am Tag nach der Katastrophe im «Le Constellation» trauert Crans-Montana. Doch das Leben geht weiter. Eine Reportage.

    In Crans-Montana kommt alles zusammen: Trauernde, Touristen, die Ski fahren, und Journalisten.
    Quelle: pomona.media

    Eine Familie mit Poussette schlendert über die Place des Charmettes in Crans. Sie sprechen Englisch, sind offenbar Touristen. Sie kreuzen einen Mann, die Skier geschultert. Seine Skischuhe klackern über den Platz. Das Wetter in Crans-Montana – ideal für die Piste.

    Alles scheint normal. Auf dem Platz steht auch Bruno Huggler. Er ist Tourismusdirektor von Crans-Montana und sagt: «Das Leben geht weiter, die Destination befindet sich im saisonalen Hochbetrieb.»

    Doch seit Donnerstagmorgen ist in Crans-Montana nichts mehr, wie es war. Mindestens 40 Menschen starben in der Silvesternacht, mehr als hundert weitere sind teils schwer verletzt. Ein Brand im Lokal Le Constellation hat das Dorf, das Wallis, die Schweiz, die ganze Welt schockiert.

    In weiten Teilen Crans-Montanas herrscht touristischer Alltag.
    Quelle: pomona.media

    Und trotzdem scheint auf der Place des Charmettes alles beim Alten zu sein. Wie ist das möglich?

    Keine 300 Meter weiter nördlich ist die Welt eine andere. Auf der Rue Centrale wimmelt es von Journalisten. Hunderte von ihnen sind aus aller Herren Länder angereist. Während die Brandopfer der Silvesternacht von Crans-Montana nach Frankreich, Deutschland, Italien oder Polen überführt wurden, schwärmten in den vergangenen Stunden Medienschaffende aus Spanien, England, den Niederlanden oder Tschechien nach Crans-Montana.

    Medienschaffende aus etlichen Ländern in Crans-Montana.
    Quelle: pomona.media

    Es wird viel spekuliert. Manche sprechen über die Feuerkerzen auf den Champagnerflaschen, die den Brand der Decke ausgelöst haben sollen. Der eine oder andere Passant will wissen, wie alles vor sich gegangen sein soll. Doch auf die Frage, ob er im Lokal war, heisst es: «Nein, aber ist ja alles im Internet.»

    Betroffene, Angehörige, Einheimische, Touristen, Journalisten. Sie stehen alle vor dem «Le Constellation», jenem Lokal, das über Nacht weltbekannt wurde. Als Todesbar. Nur der Schriftzug «Lounge Bar – Le Constellation – Wine Bar» ist von ausserhalb der Absperrungen zu sehen. Die Schrecken der Feuerhölle spiegeln sich am Freitagmorgen nur noch in den Gesichtern der Menschen. Menschen, die hadern und hoffen, zweifeln und trauern.

    Das Lokal «Le Constellation» ist abgesperrt.
    Quelle: pomona.media

    Einer dieser Menschen ist Marco. Seinen Nachnamen will er nicht nennen, obwohl er schon vor Dutzenden Mikrofonen Rede und Antwort stand – vor dem Lokal drängen sich Hunderte Reporter. Es ist ein Medienansturm, wie ihn die meisten nur einmal im Leben sehen.

    Genauso einmalig sind die Szenen, die Marco nur einen Tag zuvor am selben Ort erleben musste. Der 20-jährige Italiener sagt: «Das war das Schlimmste, was ich in meinem Leben gesehen habe.»

    Der 20-jährige Marco aus Mailand ist traumatisiert. Seine Freunde sind nach wie vor vermisst.
    Quelle: pomona.media
    Die Solidarität ist gross.
    Quelle: pomona.media

    Nur durch Zufall steht Marco vor den Medien. Er hätte in der Silvesternacht im «Le Constellation» feiern sollen – wie rund 20 seiner Freunde. Die Hälfte liegt verletzt im Spital. Einige werden noch vermisst: «Wir haben seither nichts von ihnen gehört, auch nicht von den Eltern, von niemandem.»

    Kurz vor dem Ausbruch des Feuers wollte Marco in die Bar zu seinen Freunden. Doch der Türsteher liess ihn warten – das Lokal war voll. Weil gleichzeitig ein Bus ankam, entschied sich Marco, mit diesem nach Montana zu fahren. Dort feierte er, bis die Nachricht vom Feuer eintraf. Er eilte zurück, doch es war zu spät. «Ich sah sehr schlimme Dinge.»

    Trauernde und Journalisten belagern das Blumenmeer.
    Quelle: pomona.media

    Zwischen den Medienschaffenden und dem den Opfern geltenden Blumenmeer irrt ein weiterer junger Italiener umher. Auch er hat Freunde, die vermisst, vielleicht tot sind. Den Journalisten kommen Menschen wie er und Marco gelegen. Sie sprudeln aus sich heraus und hauen ein Zitat nach dem anderen ins Mikrofon. Doch warum tun sie das?

    Marco sagt, er sei schockiert und traumatisiert. Je mehr Zeit vergehe, desto schlechter gehe es ihm. Trotzdem treibt er sich vor dem Unglücksort herum. «Wir hoffen, hier von den Polizisten und den Journalisten zu erfahren, ob es Neuigkeiten gibt.» Eine Journalistin meint, die jungen Betroffenen hätten einfach ein Bedürfnis zum Reden.

    Während Marco spricht, legen Menschen neben ihm Blumen auf die Strasse. Die Kamerateams saugen die Momente mit ihren Objektiven auf. Vor dem «Le Constellation» herrscht ein Sprachengewirr sondergleichen. Von Portugiesisch bis Polnisch ist alles zu hören. Die Hunderten Journalisten sammeln unermüdlich Stimmen von Betroffenen.

    Jede Bewegung wird von unzähligen Kameras eingefangen.
    Quelle: pomona.media
    Das mediale Interesse ist gewaltig.
    Quelle: pomona.media

    Eine junge Frau, zu Tränen gerührt, winkt schluchzend ab und hastet davon.

    Nur kurz später schlendert ein Skifahrer mitten durch die Menschenmenge. Verwundert erblickt er das Blumen- und Medienmeer. Doch er hält nicht inne – sondern zieht weiter. Genau hier, an diesem Ort, zu diesem Zeitpunkt, prallen in Crans-Montana Welten aufeinander.

    Inmitten von Journalisten und Trauernden schlendern Skifahrer durchs Dorf.
    Quelle: pomona.media

    Die eine Welt ist in Trauer gehüllt. Sie trägt Blumenkränze, spendet Trost und versucht, Tränen zu trocknen. Das Mitgefühl reicht von der Rue Centrale bis in den Élysée-Palast in Paris, wo der französische Präsident sein Mitgefühl für die Opfer und Angehörigen von Crans-Montana ausdrückt. Und darüber hinaus.

    Die andere Welt ist jene der Unbetroffenheit. Der Gleichgültigkeit, könnte man sagen. Eine Gleichgültigkeit, der wir Menschen von heute zusehends anheimfallen. Sie beginnt nur wenige Meter neben dem «Le Constellation». Sie befindet sich in Crans-Montana selbst. Die ganze Welt schreibt von einem Dorf in Trauer. Doch ist es das wirklich?

    Nein. Tragödie und Alltag treffen aufeinander. Oder wie es Bruno Huggler sagt: «Wir haben Gäste, die hier weiter Ferien machen. Das ist auch ihr gutes Recht.» Nicht alle seien von der Katastrophe direkt betroffen. Die Menschen gehen Ski fahren, wandern, etwas trinken. Auf einer Sonnenterrasse johlen einige Holländer beim Aperitif. Wer kann es ihnen verübeln, sind sie doch in den Ferien.

    Bruno Huggler ist seit elf Jahren Tourismusdirektor von Crans-Montana.
    Quelle: pomona.media

    Die Läden im Dorf sind alle geöffnet. Zwar wurden einige Angebote angepasst – Partys gibt es kaum. Doch die Trauernden brauchen Begegnungsorte. Und die Gäste Ferienorte.

    Auch die Bahnen laufen. Alles herunterzufahren, um auch die Spitäler zu schützen, wäre der falsche Ansatz, sagt Huggler. «Wir appellieren an die Sporttreibenden, vorsichtig zu sein, damit die Spitäler nicht noch weiter belastet werden. Die Leute sind sensibilisiert.»

    Seit elf Jahren ist Huggler Tourismusdirektor in Crans-Montana. Die vergangenen Stunden seien die schwierigsten gewesen, die er je habe erleben müssen. «Man geht nie von einer solchen Situation aus, aber plötzlich ist sie da.» Dass unter den Opfern sehr viele junge Leute seien, sei besonders tragisch. «Doch es muss weitergehen.»

    Grosse Anteilnahme in Crans-Montana.
    Quelle: pomona.media
    Die Destination befindet sich im saisonalen Hochbetrieb. Trotz Tragödie wird Ski gefahren.
    Quelle: pomona.media

    Huggler versucht derzeit, eine Balance zu finden. Zwischen Solidarität und Respekt gegenüber Opfern und Angehörigen und den Gästen, denen man Sicherheit geben will.

    Es ist ein Kampf, zwei Welten gerecht zu werden. Tragödie und Trauer treffen hier auf Tourismus und Tagesgeschäft. Der eine trägt einen Blumenstrauss, der andere ein Snowboard. In dieser Welt gibt es Platz für beide. So surreal sie dieser Tage auch erscheinen mag.

    Crans-Montana atmet weiter. Die Lifte surren, Menschen lachen und weinen. Ein Mann entzündet eine Grabkerze und stellt sie zu den Blumen.

    Die Tage werden vergehen. Doch diese eine Nacht wird in Crans-Montana niemals vergessen gehen.

    Ein Mann zündet eine Grabkerze an.
    Quelle: pomona.media
    Die Tragödie von Crans-Montana wird für immer in Erinnerung bleiben.
    Quelle: pomona.media

  • Warum musste Francesco sterben? Dieser Frage muss die Staatsanwaltschaft nochmals nachgehen

    Warum musste Francesco sterben? Dieser Frage muss die Staatsanwaltschaft nochmals nachgehen

    Walliser Bote, 5.4.2025

    Anfang Oktober stirbt ein Gastarbeiter während Arbeiten im Goms. Die Staatsanwaltschaft schliesst das Dossier. Nun hat das Kantonsgericht eine Beschwerde gegen die Einstellung gutgeheissen.

    Polizeifoto vom Unfalltag, 8. Oktober 2024: Die Abschrankung fehlt. Wo und ob sie vor dem Unfall stand, weiss niemand genau.
    Quelle: zvg

    Die Staatsanwaltschaft muss über die Bücher. Das Kantonsgericht kippt den Entscheid des Oberstaatsanwaltes, der die Strafuntersuchung zum Fall Francesco* geschlossen hat: Das Kantonsgericht heisst eine Beschwerde gegen die Einstellungsverfügung gut.

    In der Verfügung vom 31. März heisst es, die bisherigen Ermittlungen seien «als nicht ausreichend zu erachten» und es könne «nicht von einer klaren Beweislage ausgegangen werden». Die nun gutgeheissene Beschwerde wurde von Milena*, der Witwe des Verstorbenen, eingereicht – vertreten durch ihren Rechtsanwalt Peter Kaufmann aus Bern.

    Heisst: Das Dossier geht zurück an den Absender. Die Staatsanwaltschaft muss die Ermittlungen wieder aufnehmen. Was war passiert?

    Rückblick auf den 8. Oktober 2024: An diesem regnerischen Dienstagmorgen reist Francesco zuerst von Domodossola nach Brig und dann zusammen mit seinen Arbeitskollegen – sie arbeiten für einen der grössten Walliser Bauunternehmer – weiter ins Goms. Dort stehen Bauarbeiten nahe einem MGB-Geleise in Münster an. Der 8. Oktober, es ist der letzte Tag in Francescos Leben. Kurz nach 8 Uhr erfasst ihn ein ausserfahrplanmässiger Zug. Francesco stirbt. Der «Walliser Bote» berichtete.

    Francesco war gegen 50 Jahre alt, italienischer Staatsbürger und arbeitete seit Jahren als Gastarbeiter im Wallis. Er hinterlässt eine Witwe und zwei Kinder.

    Die Ermittlungen der Kriminalpolizei konzentrierten sich auf die Sicherheitsvorkehrungen auf der Baustelle. Gemäss Vorschriften hätte der Gleisbereich beidseitig durch Abschrankungen gesichert sein müssen, ergänzt durch eine Warnanlage. Der Staatsanwaltschaft zufolge war die Abschrankung ordnungsgemäss aufgestellt und wurde nur durch Francescos Unfall weggerissen. Francesco habe sich zum Zeitpunkt der Kollision mit dem Zug innerhalb dieser Abschrankung beim Geleise befunden. Dort, wo keine Arbeiten hätten durchgeführt werden dürfen.

    Widersprüche über Widersprüche

    Doch widersprüchliche Zeugenaussagen warfen Fragen auf: Ein Arbeiter gab an, dass die Abschrankung zum Zeitpunkt des Unfalls nicht vollständig intakt war, während andere dies verneinten. Als die Polizei eintraf, war die Abschrankung nicht ordnungsgemäss aufgestellt. Unklar blieb, ob sie nach dem Unfall verändert wurde, bereits zuvor unzureichend war oder durch den Unfall weggerissen wurde. Zudem gibt es keine Aufnahmen, die den Zustand der Abschrankung vor dem Unfall dokumentieren. Die Polizei kam zum Schluss, dass nicht eruiert werden kann, ob die Abschrankung am Unfalltag abgelegt wurde oder nicht.

    Weitere Ungereimtheiten tauchten auf in den Akten – Protokolle, Rapporte, Notizen, die dieser Zeitung vorliegen. Keiner der Arbeiter wollte gesehen haben, wie genau Francesco in Gleisnähe kam. Zudem waren die Baustellenverantwortlichen zum Unfallzeitpunkt nicht vor Ort.

    Auch SUST-Vorgehen wirft Fragen auf

    Die Schweizerische Sicherheitsuntersuchungsstelle (SUST) untersuchte die Unfallursache. Sie kam zum Schluss, dass es sich um einen Arbeitsunfall handle. Ein Mitarbeiter der SUST untersuchte die Unfallstelle am Dienstagmittag gemeinsam mit Verantwortlichen der MGBahn. Per Mail liess der SUST-Mitarbeiter verlauten, dass alle Vorkehrungen für die Arbeitsstellensicherung getreu den Vorgaben erfolgt seien.

    Die SUST schloss den Fall mit einer Aktennotiz. Aber: Diese taucht in den Akten nicht auf. Das Kantonsgericht hält fest, dass die Ortsschau nach dem Ereignis stattfand: «Es ist daher fraglich, wie die SUST zum Schluss gekommen ist, dass alle Vorkehrungen (…) getreu den Vorgaben erfolgt sind.» Dem Gericht erschliesse sich nicht, weshalb die SUST bei einem Ereignis mit Todesfolge zwar eine Ortsschau durchführt, aber hierzu keinen Bericht zu den Akten reicht und sich mit einer E-Mail begnügt. Weiter: Der MGBahn-Angestellte, der den Unfallort gemeinsam mit der SUST in Augenschein nahm, «könnte selbst ein Interesse am Verfahrensausgang haben». Das Kantonsgericht lässt verlauten: «Es bleibt schliesslich von einer neutralen und nicht durch die Beteiligten beeinflussten Stelle zu prüfen, welche Sicherheitsauflagen für die vorliegende Baustelle anzuwenden gewesen wären.»

    Wie die SUST, die zum Unfallzeitpunkt nicht vor Ort war, zu ihrem Schluss kam, findet auch Gianluca Casili kurios. Casili ist Gewerkschafter bei der Syna, bei der Francesco Mitglied war. Syna hat Francescos Witwe Milena seit dem Tod ihres Mannes rechtlich unterstützt und ebenso gegen die Einstellungsverfügung Arnolds eingesprochen. Unter anderem, weil die Syna der Meinung war, dass es sich aufgrund der Nähe der Baustelle zum Geleise um eine Baustelle im Gleisbereich handelte, was ein anderes Sicherheitsdispositiv erfordern würde, etwa einen Sicherheitswächter.

    Die Staatsanwaltschaft hingegen sagte, es handle sich nicht um eine Baustelle im Gleisbereich und verwies auf die SUST. Deren Ausführungen sei wohl mehr Gewicht zu geben als jenen der Syna. Ein Affront – findet Casili. Zudem findet sich in den Akten nichts darüber, wie weit vom Geleise entfernt die Arbeiten stattfanden. Recherchen dieser Zeitung legen jedoch nahe, dass die Arbeiten innerhalb des Perimeters, der eine Baustelle im Gleisbereich definiert, stattgefunden haben dürften.

    Fotos vom Unfalltag zeigen, dass die Abschrankung nach dem Ereignis meterweise fehlte. Casili bezweifelt, dass Francesco nach der Kollision die Abschrankung mehrere Meter weit mitriss. Er fragt sich auch, wo die Pfosten der Abschrankung abgeblieben sind.

    Dass die Staatsanwaltschaft in ihrer Einstellungsverfügung Francescos Nachnamen gleich mehrfach falsch geschrieben hat, unterstreicht gemäss Casili die unsaubere Arbeitsweise im Fall Francesco. Casilis Anliegen: Aus dem Fall sollten Lehren gezogen werden, damit ein tödlicher Unfall wie dieser nie wieder vorkommt. Casili sagt: «Es ist das Recht jedes Arbeiters, morgens gesund zur Arbeit zu gehen und abends wieder gesund heimkehren zu können.»

    Allen Widersprüchen zum Trotz stellte die Staatsanwaltschaft das Verfahren ein. Hinweise auf Fremdverschulden, insbesondere durch die Baufirma, schloss sie kategorisch aus.

    «Kantonsgericht mit hervorragender Arbeit»

    Dies rief Kritik hervor, vornehmlich von Francescos Witwe Milena und ihrem Anwalt Kaufmann. Kaufmann argumentierte, die Staatsanwaltschaft habe sich zu früh auf eine Schlussfolgerung festgelegt, ohne die offenen Widersprüche gründlich zu klären. Zudem bezeichnete er die Behauptung, Francesco habe die Absperrung eigenmächtig überquert, als aktenwidrig und spekulativ.

    Dass das Kantonsgericht die Staatsanwaltschaft nun abstraft, ist für Kaufmann löblich: «Das Kantonsgericht hat hervorragend gearbeitet.» Es habe erkannt, dass diverse Unklarheiten und Widersprüche vorhanden waren. Kaufmann weiter: «Die Arbeit des Oberstaatsanwalts Rinaldo Arnold ist gar nicht gut weggekommen.» Er sei indes zuversichtlich, dass Arnold in diesem zweiten Umgang den Fall umfassend abklären werde. Kaufmann erhofft sich, dass – falls jemand für den Tod Francescos verantwortlich war – diese Person entsprechend sanktioniert werde. Schliesslich habe ein Ehemann und Familienvater auf tragische Weise sein Leben verloren.

    Findet die Staatsanwaltschaft keinen Dritten, den sie zur Verantwortung ziehen kann, droht der erneuten Untersuchung die abermalige Einstellung.

    Generalstaatsanwältin Beatrice Pilloud nimmt die Verfügung des Kantonsgerichtes zur Kenntnis. Die Staatsanwaltschaft werde das Strafverfahren wie vom Gericht verlangt fortsetzen. Einen ausführlichen Katalog spezifischer Fragen liess Pilloud wie bereits bei der ersten Berichterstattung über den Fall Francesco unbeantwortet.

    Damit bleiben Fragen wie jene, ob Oberstaatsanwalt Rinaldo Arnold das Dossier behält oder ob die SUST beziehungsweise eine andere Stelle nochmals eine Untersuchung durchführt, offen. Affaire à suivre.

    Francescos Witwe Milena konnte bis zum Erscheinen dieses Beitrags nicht erreicht werden. Auch die SUST konnte den Fragenkatalog dieser Zeitung bis zur Publikation nicht beantworten.

    *Namen geändert und der Redaktion bekannt

  • Ossola-Guide: «Grenzen gibt es nur in den Köpfen der Menschen. Das Simplongebiet ist eine Region»

    Ossola-Guide: «Grenzen gibt es nur in den Köpfen der Menschen. Das Simplongebiet ist eine Region»

    Walliser Bote, 20.10.2025

    Ein Schweizer Historiker und ein italienischer Guide spannen zusammen, um das Oberwallis und das Ossolatal näher zusammenzubringen. Erster Schritt: eine historische Wanderung in Varzo.

    Das Arbeiterdorf Balmalonesca bei Varzo während des Baus des Simplontunnels. Heute sind davon nur noch Ruinen übrig.
    Quelle: zvg

    Alle Oberwalliser kennen es – das Val Divedro. Ein jeder hat es schon unzählige Male durchquert. Das Tal zieht sich vom Simplonpass über die italienisch-schweizerische Landesgrenze durch Varzo bis nach Crevoladossola.

    Und doch weiss kaum jemand etwas über das Val Divedro – oder über die Geschichte, die sich darin verbirgt. Nicht einmal die Einheimischen, wie der ehemalige Tierarzt Alberto Zorloni sagt. Er ist in Varzo aufgewachsen – genauer: im Bahnhofshäuschen, wo sein Vater «capostazione», also Bahnhofsvorsteher, war. Ein Beruf, den es längst nicht mehr gibt.

    Zorloni beschäftigt sich mit dem, was vergessen ging. Er ist Guide, Wanderführer – und Kenner des Val Divedro und seiner Geheimnisse. Unter dem Namen «Ossola Cultura» organisiert er Touren im ganzen Ossolatal. Am Samstag leitete er eine historische Wanderung von Varzo nach Iselle.

    Dabei begleitete ihn Raphael Rues. Der Tessiner ist Historiker, lebt seit Jahren in Bern. Und kennt die jüngere Geschichte des Ossolatals wie kein Zweiter. Sein Verein Insubrica Historica widmet sich dem geschichtlichen Erbe der Region. Gemeinsam mit Zorloni will er grenzüberschreitende Erinnerungskultur fördern. Oder anders gesagt: Ossola und das Oberwallis einander näherbringen.

    Die beiden Regionen sind seit jeher eng miteinander verbunden – trotz zweier Grenzen: der physischen, den Bergen, und der sprachlichen. Doch Mobilität und Migration haben Ossola und das Wallis immer miteinander verflochten.

    Schon die Walser zogen über die Alpen nach Süden. Später blühte der Handel – Stockalper baute die Simplonstrasse aus und wurde durch den Kommerz steinreich. Dann kamen die Auswanderer und Schmuggler, und in den Weltkriegen die Flüchtlinge. Im Kampf gegen Faschismus und Nazismus spannten Walliser und Partisanen über die Grenze hinweg zusammen.

    Die Grenze zwischen Italien und der Schweiz verschob sich über die Jahrhunderte immer wieder. Zorloni sagt: «Grenzen gibt es nur in den Köpfen der Menschen. Das Simplongebiet ist eine Region.»

    Ein Tal, von Menschenhand verändert

    Wer nach Italien fährt und Iselle passiert, sieht vor Varzo am Strassenrand zahlreiche Gebäude. Oder das, was von ihnen übrig geblieben ist. Sie sind Zeugen dessen, was das Oberwallis und Ossola vor mehr als hundert Jahren noch näher verband: dem zweiröhrigen Simplontunnel, einer technischen Meisterleistung ihrer Zeit. Mit fast 20 Kilometern Länge war er damals der längste Eisenbahntunnel der Welt.

    Die Ruinen entlang der Simplonstrasse gehörten einst zum Dorf Balmalonesca, in dem mehrere Tausend Bergleute lebten – dem Arbeiterdorf während des Tunnelbaus. In den 1920er-Jahren wurde es zerstört, als die Diveria über die Ufer trat. Sie hatte keinen Platz mehr: Das Ausbruchmaterial des Tunnels – schätzungsweise rund eine Million Kubikmeter – hatte das Tal stark verengt. Gesicherte Zahlen dazu gibt es nicht.

    Historiker Raphael Rues, Guide Alberto Zorloni und Varzos Exekutivpolitiker Milvio Luongo auf der historischen Wanderung.
    Quelle: pomona.media

    Auf der Südseite wurde das Ausbruchmaterial des Tunnels aufgeschüttet. Heute steht auf diesem mehrere Dutzend Meter hohen und kilometerlangen künstlichen Wall ein junger Wald – und ein Wanderweg, auf den Zorloni seine Gruppe am Samstag führte.

    Mitten im Wald liegt eine Ruine: das ehemalige Hauptquartier der Jura-Simplon-Bahn. Sie war, gemeinsam mit dem Hamburger Ingenieurbüro Brandt & Brandau, federführend beim Bau des Tunnels. 1903 wurde die wirtschaftlich erfolgreiche Gesellschaft verstaatlicht und in die SBB integriert.

    Die Kirche Santa Barbara im Arbeiterdorf und das Hauptquartier der Jura-Simplon Bahn (rechts). Davon ist heute nichts mehr zu sehen.
    Quelle: zvg
    Ausser die Ruinen des Jura-Simplon-Hauptquartiers.
    Quelle: pomona.media

    Auf der anderen Talseite liegt der Bahnhof von Iselle – ebenfalls auf künstlichem Erdwall, gebaut aus dem Aushub des Kehrtunnels bei Varzo. Die Gleise und Anlagen aus der Bauzeit von 1893 bis 1903 sind längst verschwunden, doch die Spuren davon sind bis heute sichtbar.

    Eine Festung aus Angst vor einer Invasion

    Zorlonis Wanderung endet bei einer der italienischen Simplonfestungen. Eines Tages, so hofft er, soll der Wanderweg noch weiter führen. Seit Jahren gibt es Pläne, den Stockalperweg einst bis nach Domodossola weiterzuführen. Doch in Italien fehlt das Geld. Und solche Projekte müssten dort oft jahrzehntelang reifen, sagt Milvio Luongo, Tourteilnehmer und Mitglied der Gemeindeexekutive von Varzo, mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

    Die imposante, mehrstöckige Festung aus dem Jahr 1940 hat nur einen Eingang – ganz in der Nähe des Südportals des Simplontunnels. Sie ist offen, aber verlassen. Nur Spinnen treiben sich darin herum, Wasser läuft durch die Gänge, an manchen Stellen wachsen Wurzeln der darüberliegenden Bäume in die Stollen hinein.

    Eingang zur Festung.
    Quelle: pomona.media
    Kalt und leer: die Simplonfestung in Varzo.
    Quelle: pomona.media

    Benutzt wurde das «Forte Est», wie Zorloni es nennt, nie. Rund hundert Mann hätten hier Platz gehabt. Das Festungsinnere misst rund 400 Meter und ist ausgestattet mit zahlreichen Maschinengewehr- und Kanonenstellungen. Die Waffen wurden jedoch nie installiert – sie wären ohnehin aus dem Ersten Weltkrieg und damit veraltet gewesen.

    Gang durch einen der Schlafsäle der Festung.
    Quelle: pomona.media
    Wurzeln wachsen von oben in die Festung hinein.
    Quelle: pomona.media

    Warum also bauten die Italiener mitten im Zweiten Weltkrieg überhaupt eine Festung am Simplon? Mussten sie sich vor den Schweizern fürchten?

    Historiker Raphael Rues nennt verschiedene mögliche Gründe. Einerseits trauten die Italiener Hitler nie ganz. Andererseits auch den Schweizern nicht. Schon im Ersten Weltkrieg hatte Italien befürchtet, die mit Deutschland sympathisierende Schweiz unter dem preussophilen General Ulrich Wille könne aufseiten Deutschlands in den Krieg eintreten.

    Und im Zweiten Weltkrieg gab es tatsächlich Schweizer Angriffspläne gegen Italien: Unter General Henri Guisan erliess die Armee 1944 den Operationsbefehl 16. Im Fall einer proaktiven Verteidigung hätte die Schweiz das Ossolatal bis Verbania besetzt, um sich besser schützen zu können.

    Eine der Schiessstellungen im Inneren der Festung.
    Quelle: pomona.media

    Die Festung ist ein eindrückliches Bauwerk – ein Relikt aus einer Zeit der Angst. Sie wurde errichtet, als Italien hungerte, und nie gebraucht. Ebenso wenig wurde sie unterhalten. Ein Unterschied, der Rues sofort auffällt. Auch wenn Zorloni sagt, die italienischen Festungen seien schöner als jene nördlich der Grenze.

    Die Idee der Zusammenarbeit von Ossola Cultura und Insubrica Historica ist, den grenzüberschreitenden Austausch zwischen dem Oberwallis und dem Ossolatal zu vertiefen. Weitere historische Veranstaltungen wie jene in Varzo sollen folgen – zu Themen wie den Walsern, den Schmugglern oder den Partisanen.

    Das Projekt steckt zwar noch in den Kinderschuhen. Doch das Potenzial sei da, ist sich Rues sicher. Grenzübergreifend – wie die Geschichte selbst. Dasselbe gilt für den Stockalperweg, der dereinst bis nach Domodossola führen soll.

  • Staatsratspräsident Reynard: «Der menschliche Umgang mit dieser Tragödie war eine Katastrophe»

    Staatsratspräsident Reynard: «Der menschliche Umgang mit dieser Tragödie war eine Katastrophe»

    Walliser Bote, 1.09.2025

    Vor 60 Jahren starben am Mattmark 88 Menschen. Nun entschuldigt sich Staatratspräsident für das Unglück und dessen Bewältigung. Ausschnitte aus der Rede von Mathias Reynard.

    Staatsratspräsident Mathias Reynard entschuldigt sich für die Mattmark-Katastrophe und deren Bewältigung.
    Quelle: pomona.media

    Von der Gletscherzunge ist heute vom Mattmark-Staudamm aus nichts mehr zu sehen. Von jener Zunge, welche die Saaser schon vor Jahrhunderten als launischen Drachen bezeichneten. Der Drachen, der vor 60 Jahren das Leben von 88 Arbeitern auslöschte.

    Es war nachmittags um 20 nach fünf, als Tonnen von Eis und Geröll auf die Mattmark-Baustelle stürzten. Sie begruben innert Sekunden Baracken, Kantinen und weitere Installationen. Die Verschütteten konnten in den Tagen danach nur noch tot geborgen werden.

    Zum 60. Jahrestag dieser Tragödie trafen sich Hunderte Leute unterhalb der Staumauer in Saas-Almagell. Kurt Regotz, Vizepräsident des Ad-hoc-Komitees der Gedenkfeier, sprach vor fast 1000 Gästen, die dem Gottesdienst beiwohnten.

    Die Katastrophe von 1965 wäre wohl vorhersehbar gewesen – auch wenn das bis heute gültige Gerichtsurteil von 1972 etwas anderes sagt. Der Mattmark-Prozess und dessen Ausgang gilt in Arbeiter- und Gewerkschaftskreisen bis heute als Skandal. Zwar wurden die Hinterbliebenen entschädigt, doch richtig zur Verantwortung gezogen wurde für die Katastrophe niemand.

    Die Italiener warteten seit 60 Jahren auf eine Entschuldigung seitens der Schweiz. Wohl vergeblich, wie Regotz noch während der Veranstaltung sagte: «Das Unglück würde man heute anders anschauen, als es das Gericht damals tat. Doch eine Regierung kann sich nicht für einen Gerichtsentscheid entschuldigen.»

    Eine unerwartete Wendung

    Doch es kam anders. Als Staatsratspräsident Mathias Reynard (SP) das Wort ergriff, lag etwas in der Luft. Was Reynard dann sagte, haben die wenigsten kommen sehen: «Im Namen der Walliser Regierung bitte ich offiziell um Entschuldigung.» Er wandte seine Worte an alle betroffenen Familien, an alle Verwandten der Opfer, «an die ganze italienische Gemeinschaft, die 60 Jahre lang gelitten hat».

    Dafür erntete Reynard von den Hunderten Italienern und Schweizern tobenden Applaus. Die Walliser Regierung erkenne die Fehler der Vergangenheit an, so Reynard. Die Bewältigung der Tragödie sei unzureichend gewesen und der Mangel an Unterstützung und Begleitung sowie die anschliessenden Gerichtsverfahren hätten den Schmerz der Angehörigen noch zusätzlich verstärkt.

    Gleichzeitig beschwor Reynard die Verbindung zwischen dem Wallis und Italien herauf. Die Italianità, so Reynard, sei Teil der Walliser Identität geworden.

    Elly Schlein: «Extrem wichtige Worte»

    Hochrangige italienische Vertreter waren für die Gedenkfeier ins Saastal gereist. Sie dankten Reynard für seine Entschuldigung. So etwa Elly Schlein. Sie ist Vorsitzende des Partito Democratico (PD) und Mitglied der italienischen Abgeordnetenkammer. Schlein sagte: «Diese Worte sind extrem wichtig für alle Familien und Angehörigen.»

    Neben Schlein war auch Generalkonsulin Nicoletta Piccirillo vor Ort. Sie betonte den Beitrag der italienischen Arbeiter zum Aufbau der Schweiz von heute. Die Messe am Samstag zelebrierten die Bischöfe von Sitten und von Belluno-Feltre, Jean-Marie Lovey und Renato Marangoni.

    Bereits am Freitagabend fand in Naters eine Gedenkfeier statt. Staatsrat Franz Ruppen (SVP) sagte: «Die Mattmark-Katastrophe vereinte das Wallis, die Schweiz, Italien und Europa in Trauer. Indem wir im Gedenken an diese Katastrophe zusammenkommen, bekräftigen wir, dass die Opfer niemals vergessen werden und erinnern daran, dass Solidarität, Würde und Arbeitssicherheit grundlegende Werte sind, die im Mittelpunkt unseres Engagements stehen müssen.»

    Grossratspräsidentin Patricia Constantin (SP) unterstrich die Wichtigkeit des Schutzes der arbeitenden Menschen. Zahlreiche Gewerkschafter waren ebenfalls zugegen. Unia-Präsidentin Vania Alleva kritisierte die Ausgrenzungspolitik der SVP, die wieder zu einer Art des unmenschlichen Saisonnierstatuts führen würde. Für Syna-Präsidentin Yvonne Feri ist die gute Zusammenarbeit der Sozialpartner bei der Suva mit starken Arbeitssicherheitsbestimmungen und Unfallverhütung eine der wichtigen Lehren aus dieser Mattmark-Tragödie.

    Der Gottesdienst am Mattmark stellte den Abschluss der Feierlichkeiten rund um 60 Jahre Mattmark-Katastrophe dar.

    Die Feier soll nicht nur an die Opfer erinnern, sagt Kurt Regotz, «sondern auch daran, dass wir auch künftig Respekt haben vor der Natur und Profitdenken nicht vor den Schutz der Menschen stellen».

    Teile der Brandrede von Mathias Reynard
    Zwanzig Sekunden. So lange hat es gedauert, bis sich alles veränderte. Zwanzig Sekunden, bis der Allalingletscher auf die Baustelle des Mattmark stürzte. Zwanzig Sekunden, bis 88 Leben ausgelöscht wurden – an diesem Montag, dem 30. August 1965, um 17.20 Uhr. Zwanzig Sekunden von unvorstellbarer Gewalt – für sechzig Jahre stillen Leidens. ()
    An jenem Tag war die Bilanz dramatisch: 88 Opfer – 56 italienische Arbeiter, 23 Schweizer sowie Staatsangehörige aus Spanien, Österreich, Deutschland und ein Staatenloser. Das Ausmass der Tragödie hätte noch schlimmer sein können. Eine halbe Stunde später, nach Arbeitsende, hätten sich fast 700 Arbeiter in diesen Baracken aufhalten können. Sechzig Jahre später tragen wir die Erinnerung an dieses Drama – aber vor allem auch die Verantwortung für das, was danach folgte.
    Denn zum Eis, das vom Allalin herabstürzte, kam noch die Kälte der damaligen Behörden dazu. Gewiss, unser helvetisches Wesen ist von einer gewissen Zurückhaltung geprägt. Doch diese Zurückhaltung rechtfertigte in keiner Weise das fehlende Mass an Wärme, an Anteilnahme und an Unterstützung, das die Familien erwarteten und verdienten.
    Die gerichtlichen Verfahren nach der Katastrophe fügten dem Schmerz weiteres Leid hinzu: Ein Prozess im Jahr 1972, gefolgt von einem Berufungsverfahren, das zum Schluss kam, der Einsturz des Gletschers sei nicht vorhersehbar gewesen. Und vor allem dieser schockierende und ungerechte Entscheid, die Familien der Opfer dazu zu verpflichten, die Hälfte der Gerichtskosten zu tragen. Schliesslich war es die italienische Botschaft in Bern, die die Rechnung für die italienischen Familien beglich.
    Es muss klar gesagt werden: Der menschliche Umgang mit dieser Tragödie war eine Katastrophe. Und es war der Kanton Wallis – und nicht der Bund –, der die Verantwortung dafür trug.
    Deshalb möchte ich heute im Namen der Walliser Regierung offiziell um Entschuldigung bitten.
    Entschuldigung an alle Familien, an alle Angehörigen, an alle, die diesen Schmerz sechs Jahrzehnte lang getragen haben. Entschuldigung an die gesamte italienische Gemeinschaft – an jene, die zum Arbeiten ins Wallis gekommen ist, ebenso wie an jene, die in der Heimat geblieben ist. Wir anerkennen euer Leiden, wir anerkennen unsere Fehler und bekräftigen: Eure Erinnerung ist auch die unsere. ()
    Heute erschien es uns wichtig und notwendig, die Verantwortung des Kantons Wallis für den Umgang mit den Opfern der Tragödie vom Mattmark anzuerkennen. Wir anerkennen die Verantwortung der damaligen Behörden für den Umgang mit der Katastrophe und den Schmerz, den sie ihren Familien zugefügt haben. Dafür entschuldigen wir uns offiziell. Das wird den Lauf der Geschichte nicht ändern, aber hoffentlich die Herzen derer trösten, die zu lange gelitten haben. ()

  • «Die Belalp war Tyndalls Zauberberg»

    «Die Belalp war Tyndalls Zauberberg»

    John Tyndall (1820–1893), irischer Forscher und Alpinist, verbrachte jahrelang seine Sommer auf der Belalp. Quelle: zvg

    Walliser Bote, 26.09.2025

    Roger Meyenberg arbeitet an der Herausgabe der Briefe des irischen Naturwissenschaftlers John Tyndall mit. Ein Gespräch über einen vergessenen Forscher, dessen zweite Heimat die Belalp war.

    Roger Meyenberg, war die Belalp eine britische Kolonie?

    Wie kommen Sie darauf?

    In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hielten sich viele Engländer und auch der für die Briten arbeitende John Tyndall auf der Belalp auf. Und in den 1880er-Jahren entstand auf Lüsgen eine anglikanische Kapelle, ausschliesslich für die englischen Sommergäste.

    Man könnte sagen, dass Tyndall die Belalp auf eine gewisse Art kolonisiert hat, aber erst, nachdem er 1876 die englische Adlige Louisa Hamilton heiratete und auf ihren Wunsch hin ein eigenes Haus – Louisa nannte es «Nest» – bauen liess. Tyndall machte die Belalp zu seinem zweiten Zuhause. Er verbrachte von den 1860er- bis 1890er-Jahren jeden Sommer dort, also gut ein Viertel seiner aktiven Karriere als Wissenschaftler.

    Das goldene Zeitalter des Alpinismus, die viktorianische Reisekultur in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Was führte die Briten und auch einen Iren wie Tyndall überhaupt ins Wallis?

    Einerseits die Faszination der Berge. Diese entstand schon früher während des 18. Jahrhunderts. Die Berge galten nicht länger als furchterregend, sondern wurden als erhaben empfunden. Damit entstand auch das wissenschaftliche Interesse an den Bergen. Tyndall als Physiker und Glaziologe war erst der Forschung wegen in den Berner Alpen, bis er 1861 die Belalp entdeckte. Er schrieb, es gebe in den Alpen keinen schöneren Ort mit einem solchen Ausblick wie auf der Belalp. Tyndall kam als Wissenschaftler und wurde in den Bergen zum Alpinisten.

    Und andererseits?

    Tyndall kam oft erschöpft und ausgebrannt aus England auf der Belalp an. Er war nicht nur Professor und später auch Direktor an der Royal Institution in London, er hatte ausserdem wichtige Beratungsfunktionen für die Regierung inne. Heute würde man bei ihm wahrscheinlich ein Burn-out diagnostizieren. Er litt auch unter Schlaflosigkeit. Die langen Sommeraufenthalte auf der Belalp hatten eine geradezu therapeutische Wirkung. Viele der Gäste kamen als Kranke und gingen als Gesunde heim und merkten dabei, dass die Berge auch ein natürliches Sanatorium sind. Auch Tyndall erholte sich auf der Belalp, ging auf Exkursionen mit Louisa, führte akribisch Tagebuch über seine Ernährung und kehrte stets voller Energie nach London zurück. Man könnte sagen: Die Belalp war Tyndalls «Zauberberg». Dort hatte er die Musse für Experimente, für Lektüre und auch fürs Schreiben. Er führte auf der Belalp nicht nur Tagebuch, sondern verfasste dort 1874 auch seine berüchtigte Schrift «Belfast Address», in der er die Vorrangstellung der Naturwissenschaften gegenüber der Theologie hervorhob.

    Von Religion hielt Tyndall offenbar nicht viel.

    Nein. Er war ein irisch-protestantischer Unionist, aber nur im politischen Sinne. Der Kirche gegenüber, besonders der katholischen, war er sehr kritisch eingestellt. Umso mehr erstaunt, dass er den Natischer Pfarrer Ignaz Amherd oder den Kaplan Benjamin Bammatter mit Spenden für die lokale Bevölkerung unterstützte. Meist in Höhe von 100 Franken, was heute etwa 1200 Franken entspricht.

    Tyndall schien den Einheimischen wohlgesinnt zu sein. Aber mochten sie ihn auch?

    Tyndall pflegte enge Kontakte zu Einheimischen, insbesondere zu Moritz Salzmann und dessen Frau Katharina. Salzmann findet in den Tagebüchern immer wieder Erwähnung. Tyndall schätzte ihn sehr. Trotzdem machte er auch schlechte Erfahrungen mit Einheimischen. Ein besonders interessanter Fall ist ein gewisser Joseph Imhoff, den ich noch nicht mit Sicherheit identifizieren konnte, da zu dieser Zeit mehrere Joseph Imhoffs in Naters lebten. Dieser Imhoff hat 1883 für Tyndall Schreinerarbeiten verrichtet und anschliessend Tyndalls Scheck gefälscht und eine erheblich grössere Summe bei der Bank eingelöst.

    Imhoff hat Tyndall also betrogen.

    Ja. Man darf dabei aber nicht vergessen, dass die Walliser Bevölkerung im 19. Jahrhundert grösstenteils bettelarm war. Die Versuchung, einige Franken von jemandem wie Tyndall herauszuholen, dürfte gross gewesen sein.

    Karikatur John Tyndalls als Priester, aus dem Magazin «Vanity Fair», 1872, aus der Privatsammlung Roger Meyenbergs. Quelle: zvg

    Nicht nur Imhoff bereitete Tyndall Ärger, auch mit dem Arbeitsverhalten mancher Handwerker war er unzufrieden.

    Ja, Tyndall schrieb auch über einheimische Arbeiter in seinem Haus. Er habe neben ihnen stehen müssen, damit sie überhaupt arbeiteten. Im Gegensatz dazu waren die italienischen Arbeiter, die im Auftrag des Hoteliers Eduard Klingele und dessen englischen Hotelgästen eine anglikanische Kapelle bauten, kräftig und arbeitsam. Tyndall führte deren Tatkraft auf eine Ernährung aus «polenta and cheese» zurück.

    Würden Sie Tyndall als Menschenfreund bezeichnen?

    Ja, Bammatter bezeichnete Tyndall in einem Brief tatsächlich als «Wohlthäter». Besonders aufschlussreich ist ein Tagebucheintrag Tyndalls, in dem er beschreibt, wie er bei Freunden und Hotelgästen für einen «little Jossen of Naters» Geld sammelte: «216 francs 23 cents for the little boy», eine nicht unerhebliche Summe, entspricht dies doch heute etwa 2500 Franken.

    Wie erklären Sie sich diese Wohltätigkeit?

    Aus meiner Sicht wurzelt seine Philanthropie im klassischen Bildungsideal, das er aus seiner Studienzeit in Marburg mitgenommen hatte. Er sah Bildung als den sichersten Weg aus Armut und menschlichem Elend. Ein herausragendes Beispiel dafür ist der folgende Fall: In einem Brief Tyndalls an den damaligen Gemeindepräsidenten Ludwig Salzmann erwähnt Tyndall 1881 in seinem in Marburg erlernten Deutsch den «Sohn vom Spengler (Ticali?) der hier schrecklich verbrannt war» und den er anschliessend verarztet hat. Er war sehr beeindruckt vom Schicksal dieses Buben und beschloss, seine Ausbildung zu finanzieren. Weil Tyndall gehört hatte, die Schule in Brig sei besser als jene in Naters, entschied er sich, dem Jungen die Ausbildung in Brig zu bezahlen.

    Konnten Sie herausfinden, wer dieser «Ticali» war?

    Das habe ich lange versucht und wollte schon aufgeben, als ich von Roland Jackson einen weiteren Brief zur Bearbeitung erhielt. Er war kaum leserlich, in kindlicher Handschrift und holprigem Deutsch geschrieben. Es war ein undatiertes Dankesschreiben von einem Buben namens Franz Tichelli an Tyndall. Darin dankt Tichelli Tyndall für die Unterstützung, damit er seine Ausbildung fortsetzen konnte. Da wusste ich: Der «Ticali» muss dieser Franz Tichelli sein. Tatsächlich fand ich mithilfe eines Archivars einen «Franz Tichelli» im Studien-Katalog der Vorschule des Kollegiums in Brig.

    Was wurde nach der Schule in Brig aus Tichelli?

    Wie viele seiner Zeitgenossen wanderte Tichelli auf der Suche nach einem besseren Leben aus, aber nicht nach Argentinien, sondern nach England, wo er heiratete, als Übersetzer arbeitete und 1955 starb. Sein älterer Bruder folgte ihm ebenfalls nach London. Dieser hatte in England mehrere Kinder, deren Nachkommen noch heute dort leben und sich wahrscheinlich gar nicht bewusst sind, dass sie eigentlich Natischer sind und ihre Existenz indirekt John Tyndall verdanken. Die vielen Stunden solcher Archivarbeit ergeben schlussendlich nur eine kleine Fussnote in der «Correspondence» Ausgabe.

    Tyndall leistete nicht nur finanzielle, sondern auch medizinische Hilfe. Sahen ihn die Einheimischen als Arzt?

    Obwohl Tyndall kein Arzt war, behandelte er häufig Einheimische, die ihn um Hilfe baten. Meist verwendete er einfache Mittel wie «Gregory’s powder» gegen Magenbeschwerden. Am 4. August 1882 notierte Louisa, dass sie von kranken Leuten geradezu umringt wurden. Tyndall schrieb anschliessend an den Natischer Präsidenten Salzmann und unterbreitete ihm den Vorschlag, auf der Belalp ein «cottage hospital» zu erstellen für eine rudimentäre medizinische Versorgung, wenngleich Louisa skeptisch anmerkte, dass solch ein Plan unter den «stupid authorities» wohl wenig Anklang finde.

    Gab es bei der Lektüre auch Momente, in denen Sie lachen mussten?

    Ja, es gibt auch amüsante Episoden. Einmal präsentierte ein Einheimischer Louisa stolz das Ergebnis seiner Behandlung: einen über 3,5 Meter langen Bandwurm. Louisa war erstaunt und fasziniert zugleich: «I had never seen such a creature before. It is very curious.»

    Wie gelangten diese Dokumente eigentlich in Ihre Hände?

    Ich beschäftige mich seit mehr als zehn Jahren mit Tyndall. Sir Roland Jackson, der Hauptherausgeber der Edition der Briefe und Autor der Biografie Tyndalls, bat mich als Deutschsprachigen um Hilfe bei einigen Briefen. So rutschte ich in das Projekt hinein. Meine Beiträge dazu sind im Vergleich zum Gesamtumfang aber äusserst bescheiden. Schade, dass die Tagebücher und Louisas Briefe unveröffentlicht bleiben. Eine wissenschaftlich edierte Anthologie dieser Dokumente wäre wünschenswert, da sie die Belalp und auch das Wallis allgemein in einem neuen historisch-kulturellen Kontext präsentieren würde.

    Wenn Tyndall heute über die Belalp blickte, was würde ihn wohl am meisten erstaunen?

    Die Bahnen. Tyndall bestritt den Weg von Brig zur Belalp immer zu Fuss. Die Familie Klingele vom Hotel Belalp organisierte Träger und Maultiere für ihre Gäste, doch Tyndall und seine Frau nahmen diesen Dienst nur für ihr Gepäck in Anspruch. Nach der Übernachtung im Hotel d’Angleterre in Brig gingen sie frühmorgens los. Sie stiegen von Geimen aus über das Blindtal hoch. Das Blindtal mochten die beiden besonders. Tyndall äusserte 1883 den Wunsch, dort ein weiteres Haus zu bauen, das ihm eines Tages als alter Mann als Zwischenstation dienen sollte – realisiert wurde der Bau jedoch nie. Auch der technische Fortschritt würde Tyndall erstaunen. Seine Frau erwähnte zwischen 1900 und 1912, als Tyndall längst tot war, in einem Briefwechsel mit dem deutschen Chemiker Heinrich Debus Zeppeline, Röntgenstrahlen, Flugmaschinen und Marconis drahtlose Nachrichtenübertragung. Debus wunderte sich: «Was würde Tyndall heute sagen, wenn er das noch sähe?» Ich bin sicher, Tyndall wäre begeistert gewesen.

    Mit dem Kriegsausbruch 1914 kam der zuvor boomende Sommertourismus auf der Belalp von einem Tag auf den anderen zum Erliegen. Viele Briten kamen nie wieder.

    1914 bat Debus Louisa in einem Brief, trotz der Geschehnisse Freunde zu bleiben. Freunde blieben sie, aber der Erste Weltkrieg hat vieles zerstört. Die früheren Gäste auf der Belalp blieben nach Kriegsende weg. Wäre der Krieg nicht gewesen, wäre die Belalp heute als Sommerdestination wohl genauso bekannt wie Zermatt. Heute ist die Belalp vor allem für den Wintertourismus bekannt, der sich erst im 20. Jahrhundert entwickelte.

  • Fussball ist nie unpolitisch

    Fussball ist nie unpolitisch

    Walliser Bote, 10.07.2025

    Man kann den Fussball nicht von der Welt abkoppeln, in der er stattfindet. Und wer nach St. Petersburg fliegt, stellt sich nicht nur auf einen Rasen – sondern auch auf eine Seite. Ein Kommentar.

    Der Champions-League-Final 2022 war für St. Petersburg geplant – nach dem Angriff auf die Ukraine entzog die UEFA ihnen die Austragung. Bild: Keystone

    Kann man Sport wirklich von Politik trennen? Schön wär’s. Doch so einfach ist das nicht.

    Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine ist völkerrechtswidrig. Der Westen hat Russland immer wieder sanktioniert, auch im sportlichen Bereich. Russische Fussballmannschaften sind von europäischen Wettbewerben ausgeschlossen. Das ist vielleicht nicht fair gegenüber den Spielern, hat jedoch seine Berechtigung. Wladimir Putin instrumentalisiert den Sport gezielt, um Russland im Ausland als normales Land erscheinen zu lassen. Wer die Isolation Russlands ignoriert und ein Testspiel in St. Petersburg abhält, verleiht dem russischen Sport und damit dem russischen Regime Legitimität.

    Dazu kommt, dass St. Petersburg Putins Heimatstadt und Zenit sein Herzensklub ist – das ist kein Zufall, sondern symbolisch. Und Zenit gehört dem russischen Energieriesen Gazprom – ein Staatskonzern, der direkt vom Kreml kontrolliert wird. Zenit ist nicht irgendein Fussballklub. Zenit dient gezielt der «Soft power»-Strategie Putins. Zenit ist ein politisches Aushängeschild.

    Finanziell ist das Spiel fragwürdig. Dazu gibt es nichts weiter zu sagen. Sportlich ist das Testspiel vom Mittwoch in St. Petersburg Humbug. Nur zwei Tage später spielen die Sittener in Ayent gegen die Grasshoppers ein weiteres Testspiel. Dazwischen: eine endlose Reise mit Zwischenhalt in der Türkei.

    Ob der FC Sion dadurch sportlich leiden wird, ist nicht so eindeutig wie der Fakt, dass er durch seinen Ausflug moralisch angezählt wird. Ja, CC geniesst die mediale Aufmerksamkeit, und so oft hat er etwas ausgefressen oder ausposaunt, nur um in den Schlagzeilen zu stehen. CC ist ein Meister des medialen Spiels.

    Dafür wird er gehasst, vor allem von den Deutschschweizer Medien. Die Meldung über das Zenit-Spiel war für alle FC-Sion-Hasser Wasser auf die Mühlen. Und die Walliser, die sind sowieso ein eigenes Volk – wer, wenn nicht der FC Sion, käme auf so eine Schnapsidee? CCs Coolness gegenüber Kritik ist bewundernswert, er ist wohl der letzte Patron, den es in dieser Welt noch gibt. Doch mit dem Russland-Spiel schädigt er nicht nur den Ruf des FC Sion – er brüskiert auch all jene Fans, die Haltung erwarten. Und das mit gutem Grund.

    Man kann den Fussball nicht von der Welt abkoppeln, in der er stattfindet. Und wer nach St. Petersburg fliegt, stellt sich nicht nur auf einen Rasen – sondern auch auf eine Seite. Ich wünschte, es wäre anders.

  • Kanton reisst Haus im Pfynwald ab: Die tragische Geschichte der schwer kranken Manuela Salamin

    Kanton reisst Haus im Pfynwald ab: Die tragische Geschichte der schwer kranken Manuela Salamin

    Walliser Bote, 30.10.2024

    Mehr als 60 Jahre lang lebten die Salamins mitten im Pfynwald. Doch nun muss das Haus weg. Manuela Salamin verliert ihr Zuhause.

    Manuela Salamin vor ihrem Haus im Pfynwald, wenige Tage vor dem Abriss. Quelle: pomona.media/Alain Amherd
    Manuela Salamin vor ihrem Haus im Pfynwald. Bilder: pomona.media/Alain Amherd

    «Ich bin traurig, dass sie mich nicht hier wohnen lassen», sagt Manuela Salamin mit Tränen in den Augen. «Ich würde gerne hier bleiben, wegen meiner Krankheit, doch sie lassen mich nicht.»

    Manuela Salamin ist 59 Jahre alt und leidet an Gebärmutterkrebs. Sie sitzt vor dem Haus auf einer Bank. Sie beobachtet die Vögel, die einige Meter daneben in einem Vogelhäuschen ihr Futter picken. Es sind genau diese Tiere und die idyllische Ruhe und Freiheit rund um das Haus, die Salamin so sehr vermissen wird. Denn das Haus steht vor dem Abriss. Dies berichtete Kanal 9 am Montagabend.

    Das Haus befindet sich mitten im Pfynwald, im Gebiet Millieren. Rundherum Bäume, deren Laub vom Herbst golden gefärbt ist. Ganz in der Nähe hoppeln zwei Häschen durch den Wald, abgesehen von Vogelgezwitscher und dem leisen Sausen des Windes steht alles um das Haus herum still. Doch die Ruhe trügt – schon bald fahren im Naturschutzgebiet Pfynwald Bagger auf.

    Idylle der Natur im Pfynwald: Eine Meise unweit des Salamin-Hauses.
    Friedlich hoppelt der Hase vor dem Haus durch das Dickicht.

    Denn das Gebäude befindet sich in der Landwirtschafts- und in der Schutzzone von nationaler Bedeutung. Und ist illegal, so die Kantonale Baukommission (KBK). Die KBK ist für Bauten ausserhalb der Bauzone zuständig. Sie hat die Salamins mehrfach aufgefordert, das Haus zu räumen. Das Haus, in dem Manuela Salamin alleine lebt. Das Haus, in dem sie aufgewachsen ist. Doch das Haus hat keine Baubewilligung.

    Salamins Eltern erbauten das Haus im Jahr 1963. Beide arbeiteten auf dem unweit daneben liegenden Hof. Mutter Martina führt heute die Buvette beim Ermitage im Pfynwald, Vater Charles ist vor zwei Jahren verstorben. Fünf Jahre habe der Bau gedauert, sagt Manuela Salamin. Während des Baus schlief die Familie in einem Zelt – auch im Winter. Salamin ging zu Fuss nach Salgesch in die Schule, wobei ihre Mutter sie über den Rotten trug, wenn denn das marode Brücklein wieder einmal weggeschwemmt wurde. Fliessendes Wasser hatten die Salamins erst in den 1970er-Jahren. Bis dahin führte der Weg zum Brunnen nur über einen fast einstündigen Fussmarsch nach Siders.

    An diesem Dienstagvormittag ist Salamin unterwegs. Sie fährt ihre jüngere Schwester Josiane zum Arzt. Zurück zu Hause lädt Salamin ein Sechserpack Mineralwasser aus dem Auto. Auf der Haustreppe muss sie es abstellen, durchatmen. Salamin ist müde. Und schwer krank. «Ich kann nichts essen und muss mich jede halbe Stunde hinlegen.»

    Seit Ende letzten Jahres arbeitet Salamin nicht mehr. Sie war als Gouvernante bei einer Siderser Familie tätig, zuvor als Pflegehilfe im Spital.

    Pro Natura reichte Anzeige ein

    Im Jahr 2007 begannen die Salamins mit Umbauarbeiten am Haus. Weil dafür eine Baubewilligung fehlte, reichte Pro Natura Anzeige ein. Daraufhin erliess die KBK eine Arbeitseinstellung. Woraufhin die Salamins nachträglich ein Baugesuch einreichten. Dieses lehnte die KBK im Jahr 2011 ab und stellte eine Wiederherstellungsverfügung aus. Eine Beschwerde wurde vom Staatsrat abgelehnt. Seither haben die Eigentümer immer wieder versucht, mit Wiedererwägungsgesuchen den Abriss zu verhindern. Auch liessen die Eigentümer sämtliche Fristen für den Abriss verstreichen, so die KBK.

    Davon will Manuela Salamin nichts gewusst haben. Wie sie sagt, habe sie erst im Juli dieses Jahres vom Abriss erfahren. Die Verfügungen wurden jeweils an die Eigentümer, und nicht an sie, zugestellt, bestätigt die KBK. Die Eigentümer sind Mutter Martina Salamin und Schwester Josiane Hilty-Salamin. Manuela Salamin weiss mittlerweile, dass ihre Eltern seit Jahren wussten, dass das Haus illegal ist. Doch sie will nicht, dass sich ihre Mutter schuldig fühlt: «Meine Eltern haben so viel gearbeitet. Wie alle Bauern damals haben sie sich nicht um Papierkram gekümmert.»

    Manuela Salamin: «Vielleicht bin ich bald nicht mehr da, dann haben die meinen Tod auf dem Gewissen.»

    Seit Juli hat sich Salamins Gesundheitszustand drastisch verschlechtert. Seit sie erfuhr, dass ihr geliebtes Heim abgerissen werden soll. Sie ist abgemagert, erbricht Medikamente. Und muss bis Montag das Haus räumen.

    Seit Sommer 2024 hat die KBK Kenntnis davon, dass Manuela Salamin im Haus wohnt und schwere gesundheitliche Probleme hat. Die KBK schreibt: «Die KBK hat die Baupolizei umgehend instruiert, die zuständige Gemeinderätin für Sozialwesen mit der Suche einer Wohnung für Frau Manuela Salamin zu beauftragen.»

    Raus aus dem Haus, zurück ins Spital

    Vor einigen Wochen war die Baupolizei zwecks Ortsschau auf Platz. Gemäss KBK hat sich Salamin zu diesem Zeitpunkt bereit erklärt, ihre persönlichen Sachen bis Ende Oktober zu räumen. In der Zwischenzeit wurde die Frist bis nächsten Montag verlängert.

    Salamin will nicht weg. Aber sie muss: Am nächsten Dienstag muss sie ins Spital zurück, aus dem sie gerade erst zurückgekehrt ist. Salamin sagt: «Ich war am Montag beim Arzt, die Resultate waren nicht gut.» Sie müsse sich wieder Infusionen legen lassen. «Vielleicht bin ich bald nicht mehr da, dann haben die meinen Tod auf dem Gewissen.»

    Wie die KBK Salamin mitgeteilt hat, wird sie das Haus abbrechen. Die Kosten für die Durchführung dieser sogenannten «Ersatzvornahme» werden Salamin auferlegt. Diese fürchtet, dass ihre Familie gar noch den Boden verlieren könnte, wenn sie die Kosten für Räumung und Abbruch nicht decken könne.

    Das Haus der Salamins im Pfynwald.

    Salamin will gar nicht an den Abriss denken. Sie sagt voller Traurigkeit: «Das Haus ist meine ganze Jugend. Wir sind hier aufgewachsen. Wir haben hier gespielt, waren frei.» Das dürfe nicht wahr sein. Während der letzten Jahre im Elternhaus sei sie die «glücklichste Frau der Welt» gewesen.

    Sorgen macht sich Salamin auch um ihre Tiere – einen Hund und zwei Graupapageien. «Ich weiss nicht, wohin ich sie geben soll. Ich habe Angst, dass sie draufgehen.»

    Kanton lässt Recht vor Gnade walten

    Salamin hat mithilfe eines Schreibens ihres Arztes darum gebeten, dass sie einige Tage länger im Haus bleiben könne. Ohne Erfolg. Die KBK verweist auf die mehrfachen Fristverlängerungen.

    Gemäss KBK hat die Gemeinde Salgesch in der Nähe des Hauses eine vorübergehende Unterkunft für Salamin gefunden, in die sie auch ihre Tiere mitnehmen kann. Wohin Salamin nach ihrem Spitalaufenthalt gehen wird, weiss sie noch nicht. Ihr sei zwar ein Zimmer angeboten worden, doch noch sei sie unentschlossen.

    Bis Montag sortiert Salamin – sofern sie dafür die Kraft hat – ihre Sachen. Und geniesst die letzten Tage der Ruhe. Bis die KBK das Haus im Wald dem Erdboden gleichmacht.

    Das Familienhaus der Salamins wird «je nach Witterung» im November oder Dezember dieses Jahres abgerissen, teilt die KBK mit.

    Anfangs Dezember riss der Kanton das Haus der Salamins ab.
    Manuela Salamin schaute dem Geschehen traurig zu.
  • Als im ganzen Land die Glocken läuteten

    Als im ganzen Land die Glocken läuteten

    Walliser Bote, 08.05.2025

    Am 8. Mai 1945 schweigen die Waffen in Europa. Nach fast sechs Jahren Krieg. Noch heute erinnert der Simplonadler an die dunklen Zeiten.

    Der Krieg ist vorbei: Ein Soldat der Schweizer Armee bei der Rückkehr zu seiner Familie. Zürich im Frühjahr 1945. Quelle: Keystone

    Am Abend des 8. Mai 1945 läuteten in der ganzen Schweiz die Kirchenglocken. Erleichtert feierten die Menschen das Kriegsende. Am Tag zuvor hatte die übrig gebliebene Führung des deutschen Militärs – Hitler war bereits seit einer Woche tot – im obersten Hauptquartier der alliierten Expeditionsstreitkräfte im französischen Reims die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht unterzeichnet.

    Nächsten Tages bejubelte Europa frenetisch das Ende des Zweiten Weltkriegs. Zumindest auf dem europäischen Kontinent – der Krieg im Pazifik dauerte noch bis über den Sommer hinaus. Dutzende Millionen fielen dem blutigsten Krieg der Menschheitsgeschichte zum Opfer – Soldaten, Zivilisten, ermordete Minderheiten.

    Als die Menschen am Morgen des 8. Mai 1945 die Zeitung lasen, brachen sie in Freude aus. Zahlreiche Schulen blieben geschlossen, viele blieben der Arbeit fern. Die Strassen und Plätze der Grossstädte waren proppenvoll mit Menschen, die alliierte Fahnen schwenkten und den «Victory Day» ausgelassen feierten. Auch in der Schweiz, obschon diese gar nicht am Krieg teilgenommen hatte.

    Inmitten der fast sechs Jahre andauernden Kriegswirren, in denen die grössten und einst stolzesten Heere der Welt aufeinandertrafen, blieb die kleine Schweiz grösstenteils unversehrt. Am Morgen des 1. September 1939 um 4.45 Uhr eröffnete das deutsche Kriegsschiff Schleswig-Holstein das Feuer auf eine polnische Garnison auf der Westerplatte bei Danzig und damit den Zweiten Weltkrieg. Nur Stunden später begann in der Schweiz die Generalmobilmachung. Die Schweiz berief sich auf ihre Neutralität.

    Dass die Neutralitätserklärung allein nicht vor dem Krieg zu schützen vermochte, zeigen Beispiele anderer Länder, etwa Belgien. Und so war die Schweiz sechs Jahre lang in höchster Alarmbereitschaft. Besonders seit Sommer 1940, als der deutsche Blitzkrieg Frankreich heimsuchte und das faschistische Italien an Seiten Hitlers in den Krieg eintrat. Die Gefahr einer Invasion von Nord oder Süd war damit gross. Und mit ihr die Angst, in den Kriegsstrudel zu geraten.

    Das Wallis als Teil des Réduit

    Im schweizerischen Verteidigungsdispositiv nahm das Wallis eine zentrale Rolle ein. Zur Vorbereitung auf den Einmarsch fremder Truppen beschloss die Militärführung unter General Guisan den Réduit-Plan: Im Fall einer deutschen Invasion würde der Wehrmacht das Mittelland überlassen, während sich die Schweizer Armee und die Bevölkerung zu einem grossen Teil ins Alpenmassiv zurückgezogen hätten. Die Schweizer Alpen, sie waren voll von Festungen.

    Der Oberbefehlshaber der Schweizer Armee während des Zweiten Weltkriegs: General Henri Guisan. Quelle: Keystone

    Eine davon war die Simplonfestung in Naters. Dort war die Artillerie der Gebirgsbrigade 11 untergebracht. Ihre Aufgabe: die Verteidigung des Simplons. Für den Fall Süd, wenn die Italiener angegriffen hätten. Aber auch für den Fall Nord, wenn etwa deutsche Luftlandetruppen versucht hätten, den Simplontunnel zu erobern. Das Unterwalliser Pendant zur Gebirgsbrigade 11 war die Festungsbrigade 10. Sie war mit der Verteidigung des Grossen Sankt Bernhard betraut.

    Der Simplontunnel galt als extrem wichtiger strategischer Punkt: insbesondere für Deutschland, nachdem Italien 1943 die Seiten wechselte und die Wehrmacht Norditalien besetzte. Durch den Simplontunnel transportierten die Deutschen wichtige Güter wie Erz und Öl, um die Front in Italien zu versorgen. Deutschland hatte grosses Interesse daran, die Nord-Süd-Transitachse weiter nutzen zu können. Die Verbindungen durch den Gotthard oder den Simplon waren mitunter ein Grund für Hitler, die Schweiz nicht anzugreifen.

    «Aus hartem Walliser Granit hält ein Adler Wacht»

    Während das Schweizer Militär wachsam über die Landesgrenzen hinaus blickte, errichtete die Gebirgsbrigade 11 auf dem Simplonpass im Jahr 1944 ein Soldatendenkmal. Der grosse Steinadler erinnert bis heute an den Dienst der Soldaten auf dem Simplon. Nach der Einweihung des Denkmals schrieb der «Walliser Bote» am 12. September 1944: «Bei rieselndem kalten Regen hatten sich die Vertreter der Gebirgsbrigade am letzten Sonntag eingefunden. Das Wetter passte zum Kriegsdenkmal, das sich rechts vom Hospiz erhebt: aus hartem Walliser Granit hält ein Adler Wacht.»

    Die Gebirgsbrigade 11 hat im Jahr 1944 das Denkmal des steinernen Simplonadlers errichtet. Quelle: zvg

    Die Gebirgsbrigade 11 wurde später in Grenzbrigade 11 umbenannt. 1994 wurde sie aufgelöst. Was von ihr geblieben ist, ist der Simplonadler. Und die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg. Auf dem Sockel des Denkmals prangen folgende Worte: «In der Freiheit der Berge steht es, ein wuchtiges Mal aus hartem Granit: Ein Gedenken treuer Pflichterfüllung, ein dauerndes Mahnen, willig und wach zu sein für unsere Freiheit.»

  • Rettet den Simplontunnel – wie ein Walliser den Nazis einen Strich durch die Rechnung machte

    Rettet den Simplontunnel – wie ein Walliser den Nazis einen Strich durch die Rechnung machte

    Walliser Bote, 26.04.2025

    Die deutsche Wehrmacht wollte den Simplontunnel in die Luft jagen. Doch der Walliser Zöllner Peter Bammatter und italienische Partisanen vereitelten die Tat.

    Das Südportal des Simplontunnels, das die Nazis vor 80 Jahren sprengen wollten. Quelle: zvg/Wikimedia/SBB Historic

    Der Simplontunnel war mit knapp 20 Kilometern der längste Eisenbahntunnel seiner Zeit. Jeden Tag fahren Hunderte Züge durch den Simplontunnel. Dieser wurde 1906 eröffnet. Und hat dem zuvor durch die Berge so eingeschlossenen Wallis ein Tor zum Süden geöffnet.

    Seither haben Millionen von Menschen und noch mehr Güter die Alpen durch den Simplontunnel durchquert. Die Bedeutung des Simplontunnels, sie ist schier unermesslich. Sowohl für das Wallis als auch für Norditalien. Doch vor genau 80 Jahren stand der Simplontunnel kurz vor seiner Zerstörung.

    In der Nacht vom 21. auf den 22. April 1945 vereitelten italienische Partisanen die Sprengung des Simplontunnels durch die deutsche Wehrmacht. Und mittendrin ein Walliser.

    Rückblick auf den Herbst 1943

    Alliierte Truppen landen in Süditalien. Nur wenige Tage später schliessen Italien und die Alliierten einen Waffenstillstand. Das lässt Deutschland nicht auf sich sitzen. Die Wehrmacht erobert kurzerhand Norditalien. Deutsche Fallschirmjäger befreien Benito Mussolini, der bereits im Juli gestürzt wurde, aus der alliierten Schutzhaft. Adolf Hitler errichtet die Republik von Salò und setzt Mussolini an deren Spitze. Währenddessen kämpfen sich die Alliierten immer weiter von Süden nach Norden vor.

    Zur gleichen Zeit macht sich in ganz Italien der Widerstand gegen Faschisten und Nationalsozialisten breit. Die Partisanen – Widerstandskämpfer aller politischer Couleur – kämpfen gegen die Nazifaschisten. Im Sommer 1944 nehmen die Alliierten Rom ein. Es folgt eine Partisanenoffensive. Im Herbst sind die Deutschen und Faschisten aus dem Ossolatal im Norden Italiens vertrieben. Die Partisanen rufen die freie Republik Ossola aus. Doch nach nur 40 Tagen erobert die Wehrmacht das Ossolatal zurück und setzt der kurzlebigen demokratischen Republik nahe der Schweizer Grenze ein jähes Ende.

    Das Kriegsblatt hatte sich zu diesem Zeitpunkt längst gewendet. Die Rote Armee war auf deutsches Territorium vorgestossen. Das Ende des Dritten Reiches – eine Frage der Zeit.

    Im letzten Kriegswinter ist die taktische Weisung aus Berlin klar: verbrannte Erde. Will heissen: Die Wehrmacht weicht immer weiter zurück, den Alliierten soll nur Schutt und Asche überlassen werden. Auch im Ossolatal. Ein deutsches Pionierdetachement hält sich in der Region auf. Es hat Brücken repariert, die während der Auseinandersetzung mit den Ossolarepublik-Partisanen zerstört wurden. Güterwagen erreichen den Bahnhof in Varzo, beladen mit Marinemunition. 32 Tonnen Sprengstoff sind darin enthalten, weiss Raphael Rues. Er ist Historiker und spezialisiert auf das Tessin und die deutsch-faschistische Präsenz in Norditalien. Rues hat intensiv zum «Showdown am Simplon», wie er das Ereignis nennt, geforscht.

    In diesem Gebäude in Varzo wurde ein Teil des Sprengstoffs gelagert. Quelle: zvg/insubricahistorica.ch

    Im Winter 1944/45 ist neben den Nazifaschisten auch Peter Bammatter im Ossolatal. Er stammt ursprünglich aus Naters, ist Vizedirektor des Schweizer Zollamtes in Domodossola. Die Bahnstrecke von Brig bis Domodossola obliegt der SBB. Diese elektrifiziert die Bahnstrecke bis Domodossola.

    Viele Schweizer in der Region – Bahnangestellte, Postboten, Händler –, sie alle sind Teil eines verwobenen Spionagenetzwerkes in Norditalien. Auch Zöllner gehören dazu. Bammatter ist Hauptmann der Schweizer Armee. Und Informant für den Schweizer Nachrichtendienst. Einer seiner engsten Mitarbeiter heisst Mario Rodoni, der für die SBB arbeitet.

    Bammatter hört von den Plänen der Deutschen, den Simplontunnel sprengen zu wollen. Die Tonnen von Sprengstoff sollen in eigens angelegten Minenkammern des Tunnels gebracht werden. Bammatter macht sich vor Ort ein Bild. Ein SBB-Ingenieur und Hauptmann der Armee aus Sitten namens Paul Bardet erkundet den Simplontunnel und das Vorhaben der Nazis von Brig aus. Nachts, als sich die Nazis nach Varzo zurückziehen, wagt Bardet sich in den Tunnel, rückt bis Iselle vor. Und zeichnet alles auf.

    Die Schweizer schaffen es gar, eines der bis zu 150 Kilogramm schweren Marinegeschosse nach Brig zu schmuggeln. Dort wird die Munition untersucht. Der Schweizer Nachrichtendienst schätzt die Gefahr einer völligen Zerstörung des Simplontunnels klein ein: Den Nazis fehlt Wissen und Werkzeug für gezielte Bohrungen. Historiker Raphael Rues wagt 80 Jahre später gar die These, die Vorbereitungen am Simplontunnel könnten reine Beschäftigungstherapie für die Soldaten gewesen sein.

    Mario Rodoni (links), enger Mitarbeiter von Peter Bammatter, mit einem deutschen Soldaten in Varzo. Quelle: zvg/insubricahistorica.ch

    Trotzdem ist man auf der Nordseite des Simplons besorgt. Bammatter setzt sich mit den italienischen Widerstandskämpfern in Verbindung.

    Die Partisanen wollen den Simplontunnel retten. Bammatter ist stets in Kontakt mit der Schweiz, informiert seine Freunde beim Nachrichtendienst. In den frühen Morgenstunden des 22. April ist es so weit: Im Schutz der Dunkelheit macht sich eine Handvoll Partisanen auf zur Garnison der Deutschen in Varzo. Dort ist ein Teil des Sprengstoffs gelagert.

    Die Marinegeschosse in Varzo. Quelle: zvg/insubricahistorica.ch

    Die deutschen Wachmänner leisten keinen Widerstand. Sie sind demoralisiert, kriegsmüde. Viele von ihnen sind Österreicher. Sie ergeben sich oder laufen über. Stundenlang tragen die Partisanen die Kisten voller Sprengstoff aus dem Lager. Sie entzünden den Sprengstoff, der in Flammen aufgeht. Das Feuer ist kilometerweit zu sehen. Bis in die Berge, wo die Partisanen vor Freude jubeln dürften. Die Aktion endet am frühen Morgen, ohne Tote, ohne Verletzte.

    Im Dezember, Monate nach Kriegsende, werden die Partisanen in Brig geehrt. Der «Walliser Bote» schreibt am 21. Dezember 1945:

    «Jene Soldaten der Festung Gondo, die im Frühling dieses Jahres an der Grenze stunden, wissen noch, dass eines Morgens eine gewaltige ‹Morgenröte› von der italienischen Seite her das Firmament durchzog: es war der Widerschein eines gewaltigen Flammenmeeres, das von jenseits der Grenze herleuchtete; Partisanen hatten das viele Tonnen zählende Sprengstoffdepot der Deutschen angezündet und dadurch die Sprengung des Südportals des Simplontunnels verhindert.»

    Peter Bammatter, der Held?

    Ende der 80er-Jahre hat der Schweizer Regisseur Werner Schweizer einen Dokumentarfilm über die geplante Sprengung des Simplontunnels gedreht. Auch Peter Bammatter, zu jenem Zeitpunkt 73 Jahre alt, kommt darin zu Wort. Seine Aufgabe sei es gewesen, Ohren und Augen offen zu halten, alles zu melden und vorsichtig zu sein. Die Schweiz sei im Krieg zwar neutral gewesen, sagt Bammatter, doch: «Uns war es egal, wenn der Deutsche auf die Schnauze fällt.»

    Bammatter kannte die deutschen Soldaten. Zermürbt von Jahren des Krieges, führte er mit ihnen inoffizielle Gespräche; so gelangte er an Informationen. Im Gegenzug gab er ihnen Dinge, die der Nachrichtendienst auf dem Schwarzmarkt in Domodossola erworben hatte: Zigaretten, Wein oder Essen.

    Auch mit dem Kommandanten des deutschen Detachements verkehrte Bammatter. Lachend erzählt er im Dokumentarfilm, wie er mit dem deutschen Leutnant eine Wette abgeschlossen habe: Die beiden wetteten um eine Kiste Champagner, ob der deutschen Ardennenoffensive Erfolg beschieden ist oder nicht. Bammatter gewann die Wette – doch den Champagner erhielt er nie. Der deutsche Offizier starb nur wenige Tage nach den Ereignissen in Varzo während des Rückzugs der Deutschen.

    Erinnerungsfeier in Varzo

    Am 26. April 2025 wird in Varzo des denkwürdigen Tages gedacht, an dem der Simplontunnel gerettet wurde. Die Feierlichkeit beginnt am Bahnhof Varzo und auf der Piazza XXII Aprile 1945, für deren Name das Ereignis vor 80 Jahren herhielt.

    Der Tag steht ganz im Zeichen des historischen Ereignisses. Einer der Referierenden: Raphael Rues. Er gehört dem Verein und Buchverlag Insubrica Historica an. Insubrica Historica hat sich die Erforschung des historischen Erbes und die Stärkung des Bewusstseins für die Region Insubrica auf die Fahne geschrieben. Insubrica nennt sich die Region, die in der Antike von den Insubrern bewohnt wurde – Kelten, die zwischen dem Po und den voralpinen Seen im Piemont lebten. Heute versteht man unter dem Begriff die Grenzregion zwischen Norditalien und dem Tessin.

    Zur Bedeutung der verhinderten Zerstörung des Simplons für das Wallis sagt Rues: «Mit seinem proaktiven Handeln hat Peter Bammatter grösseren Schaden verhindern können.» In den Archiven würden sich immer wieder lobende Worte für die Taten des Oberwallisers finden.

    Taten, die verhindert haben dürften, dass der damals längste Eisenbahntunnel der Welt zerstört wird. Und damit dem Wallis sein Tor in den Süden geschlossen hätte.

  • «All in» am Allalin – Die Chronologie einer Tragödie

    «All in» am Allalin – Die Chronologie einer Tragödie

    Walliser Bote, 14.04.2025

    Höher, länger, schneller: Die Allalinrennen sind eine Volksabfahrt der Superlative. Am Samstag starb ein Teenager, zwei weitere Rennläufer liegen auf der Intensivstation.

    Die Saison war lang in Saas-Fee. Sie begann Anfang November. Ostern ist in diesem Jahr spät. Das Wochenende davor ist für die Allalinrennen reserviert. In den vergangenen Jahren war die Austragung öfters von Wetterpech verfolgt. Mal schneite es ununterbrochen, mal war dichter Nebel Grund für die Absage. Oder der untere Teil der Piste war durch hohe Temperaturwerte schon frühmorgens aufgeweicht. Und manchmal kam alles zusammen.

    Am vergangenen Wochenende schien alles zu passen: blauer Himmel, glatte Pisten. Seit den frühen Morgenstunden standen Dutzende Helferinnen und Helfer auf der Piste im Einsatz. Saas-Fee wollte sich kurz vor Saisonende nochmals von seiner besten Seite zeigen.

    Der sonnige Frühlingstag endete in einer Tragödie. Ein 18-jähriger Skirennfahrer aus dem Berner Oberland verunglückt kurz vor 11.00 Uhr tödlich. Ein 72-jähriger Mann aus der Deutschschweiz kämpft im Spital um sein Leben. Und: Bei einem zweiten Unfall stürzt ein junger Einheimischer so schwer, dass er auf der Intensivstation behandelt werden muss.

    Zwei Tage später sitzt der Schock in Saas-Fee tief. Wie dunkle Wolken über dem Allalinhorn schwebt eine Frage über dem Gletscherdorf: Wie konnte das passieren?

    Die Allalinrennen, das ist eine Abfahrt fürs Volk. Sie erstreckt sich über neun Kilometer. Vom Fusse des vergletscherten Gipfels des namensgebenden Allallinhorns bis hinunter zum Sportplatz am Dorfrand von Saas-Fee. Die Strecke ist doppelt so lang wie die Lauberhornabfahrt. Doch anders als beim längsten Skirennen im Weltcupkalender gehen in Saas-Fee vorwiegend Amateure an den Start. Manche bereiten sich mit Trainingsfahrten vor, andere reisen extra für diese längste Volksabfahrt der Welt an – aus Australien, Argentinien oder den USA.

    1946 gilt als Geburtsstunde dieses Rennens. Eine Handvoll Bergführer aus dem Dorf stieg auf den Gipfel des Allalinhorns. Sie zurrten ihre Schuhe mit Lederriemen auf die hölzernen Ski ohne Kanten und fuhren los. Nur fünf Fahrer schafften es bis zum Einbruch der Dunkelheit durch das unpräparierte und vergletscherte Gelände bis hinunter nach Saas-Fee. Arnold Anthamatten, ein Skipionier aus dem Dorf und späterer Olympiasieger, brauchte etwas mehr als acht Minuten.

    Dann verschwanden die Rennen wieder aus dem Veranstaltungskalender. Zu Beginn der 1980er-Jahre brachte der Skiclub Allalin die Abfahrt wieder aufs Parkett – als Rennen für das Volk.

    Die 400 Teilnehmer wurden im 30-Sekunden-Intervall je zu zweit auf die Piste geschickt. «In den Engpässen wurde es dadurch ab und zu etwas eng, doch fanden die Schnelleren immer einen Weg zwischen denjenigen hindurch, die es gemütlicher nahmen», schrieb der «Walliser Bote». Das Rennen endete ohne Unfälle.

    Bereits ein Todesfall im Jahr 1984

    Ein Jahr später folgte die erste grosse Tragödie: Ein 21-jähriger Einheimischer verlor auf der Höhe des Restaurants Maste 4 die Kontrolle und stürzte rund 50 Meter tief. Er zog sich beim Aufprall tödliche Verletzungen zu.

    2025 nahmen mehr als 450 Skifahrerinnen und Snowboarder am Einzelrennen teil. Zusammen mit den Anmeldungen für das Paar-Rennen, den Mannschaftswettkampf und die Plauschkategorie verzeichneten die Veranstalter fast 1000 Starts.

    Die jüngsten Teilnehmer waren in ihrem 18. Altersjahr. Jüngere Skifahrer oder Snowboarder sind gemäss Wettkampfreglement nicht zugelassen. Nach oben gibt es keine Grenzen: Die ältesten Teilnehmer, die am Samstag über die Strecke fuhren, waren 75 Jahre alt. Das zeigt ein Blick auf die Start- und Rangliste des mit der Zeitmessung beauftragten Unternehmens Datasport.

    Aus den offiziellen Unterlagen des Zeitmessers ist ebenfalls zu entnehmen: Die Teilnehmer starteten in einem Intervall von 15 Sekunden. Die in verschiedenen Kategorien unterteilten Rennfahrerinnen und Rennfahrer starteten durchmischt. Aufgrund der Unterschiede beim Alter und bei der Fahrtechnik kam es am Samstag immer wieder zu Überholmanövern.

    Das ist bei einer Volksabfahrt gang und gäbe. Solche Überholmanöver kommen auch bei den beiden anderen grossen Veranstaltungen dieser Art vor: an der Inferno-Abfahrt in Mürren oder bei der Belalp Hexe.

    Die Schnellsten brauchten am Samstag für die Strecke etwas weniger als vier Minuten, die Letztklassierten waren mehr als doppelt so lang unterwegs.

    Wie gross die fahrtechnischen Unterschiede unter den Teilnehmenden waren, zeigen auch Bilder von Kanal9. In Zusammenarbeit mit den Veranstaltern produzierte der Lokalfernsehsender am Samstag einen fast fünfstündigen Livestream.

    Das gesamte Rennen am Samstag wurde vom Lokalfernsehen Kanal9 via Livestream übertragen. Zwei Moderatoren kommentierten das Geschehen. Das Wetter? «Wunderbar.» Die Bedingungen auf der Piste? «Hervorragend.»

    Erster Unfall: Einheimischer stürzt im «Ritzi»

    Nach anderthalb Stunden Livestream ereignete sich der erste Unfall des Tages. Ein 26-jähriger Fahrer stürzte bei der «Ritzi» genannten Stelle unterhalb von Morenia. «Ritzi» ist eine Schlüsselstelle, bei der die Fahrer mit hoher Geschwindigkeit in einer Linkskurve auf einen schmalen Ziehweg übergehen. Im Livestream waren Bilder zu sehen, wie der gestürzte Fahrer neben der Piste lag. Rettungskräfte machten ihn für den Abtransport mit dem Hubschrauber bereit. Das Rennen war ein erstes Mal länger unterbrochen. Gemäss einer am Samstagnachmittag versandten Mitteilung der Kantonspolizei erlitt der Verunfallte schwere Verletzungen und wurde mit einem Helikopter der Air Zermatt ins Spital nach Sitten geflogen.

    Den Rennunterbruch überbrückten die Kommentatoren von Kanal9 mit Interviews aus dem Zielbereich. Zum Beispiel mit Kilian Burri. Der Berner Oberländer erreichte das Ziel in drei Minuten und 54 Sekunden. Wie schon im Vorjahr gewann er damit das Rennen. Er war allerdings ganze 18 Sekunden schneller als auf der gleichen Strecke im Vorjahr. Burri zeigte sich gegenüber Kanal9 entsprechend erstaunt: «Ich hätte nicht gedacht, dass es möglich ist, so schnell zu fahren.»

    Burri nennt auch einige Gründe für seine Fabelzeit. Der erneute Rückgang des Gletschers etwa. Dadurch musste die Streckenführung leicht angepasst werden. Wie so oft in der über 40-jährigen Geschichte des Rennens. Vor allem aber hätten die hohen Temperaturwerte des Vortages die Piste schneller werden lassen. Der am Vortag zu Sulz geschmolzene Schnee härtete in der klaren Nacht aus und liess die Ski schneller gleiten.

    Auch Arianne Wenger sprach im Ziel ins Mikrofon von Kanal9. Sie wurde bei den Damen Zweite. Auch ihr fiel auf, wie schnell die Piste in diesem Jahr war. Der Respekt fahre deshalb immer mit: «Einige Kollegen von mir hatten schon wüste Unfälle bei Volksabfahrten. Etwa bei der Belalp Hexe. Deshalb ist es vielleicht besser, mit mehr Respekt zu fahren als zu viel Risiko zu nehmen und im Spital zu landen.» Auch Snowboard-Sieger Jonas Reichmuth sprach über das Risiko. Er sagte: «Das Risiko fährt immer mit.»

    Risiko, dass es zu kalkulieren gilt. «All in» am Allalin. Oder lieber zwei, drei Bremser mehr?

    Tempi jenseits von 140 Kilometern pro Stunde gehören zum Allalinrennen dazu. Die Kommentatoren von Kanal9 sprachen in der Liveübertragung sogar von per GPS gemessenen Spitzenwerten von 163 km/h. Das ist schneller, als der höchste jemals bei einer Weltcup-Abfahrt gemessene Wert.

    Nicht alle wollen ein solches Tempo erreichen. Viele der Fahrerinnen und Fahrer zogen auf besonders heiklen Streckenabschnitten die Bremse. Mit Stemmbögen. Aber auch mit gerutschten Schwüngen über die ganze Pistenbreite.

    Die verhängnisvolle Kollision

    Um kurz vor elf Uhr war das Rennen erneut unterbrochen. Die Kommentatoren im Livestream sprachen von einer «petite interruption technique» – einem kleinen technischen Unterbruch.

    Zu der Zeit wussten nur die wenigsten: Unterhalb des Allalins kam es zur grossen Tragödie. Im obersten Streckenabschnitt kollidierten zwei Rennfahrer. Ein 18-Jähriger aus dem Berner Oberland stirbt noch an der Unfallstelle. Ein 72-jähriger Mann aus der Region Zürich erleidet lebensgefährliche Verletzungen. Die Organisatoren brachen das Rennen später ab.

    Was genau passiert ist, ist Gegenstand einer laufenden Untersuchung. Die Staatsanwaltschaft Wallis hat eine Untersuchung eröffnet. Aus den Startlisten geht aber hervor: Der junge Berner Oberländer startete 62 Sekunden später als der Mann aus der Region Zürich.

    In Saas-Fee ist die Bestürzung gross. Das Organisationskomitee der Allalinrennen versendete am Montagabend eine Pressemitteilung. Darin steht: «Unser tiefstes Mitgefühl gilt der Familie, den Freunden und Angehörigen des verstorbenen Teilnehmers.» Den verletzten Sportlern wünschen die Organisatoren eine rasche und vollständige Genesung.

    Aufgrund der laufenden Ermittlungen der Staatsanwaltschaft können die Organisatoren keine weiteren Auskünfte erteilen, heisst es im Communiqué.

    Mal führten Nebel, Schneefall oder weiche Pisten zur Absage der Allallinrennen. Mal kam auch alles zusammen. So wie vergangenen Samstag, als sich kleine Puzzlestücke zu einer grossen Tragödie verbanden.

  • Als die Nazis ein Walliser Dörfchen in Blut tauchten

    Als die Nazis ein Walliser Dörfchen in Blut tauchten

    Walliser Bote, 27.07.2024

    Das schweizerisch-französische Grenzdorf Saint-Gingolph gerät im Sommer 1944 zwischen die Fronten – auf einen Angriff der Résistance antwortet die Schutzstaffel mit blutiger Rache.

    Als Postkarte herausgegebene Fotografie des Dramas von Saint-Gingolph, 23. Juli 1944. Quelle: Izard, Médiathèque Valais – Martigny

    «Der Führer hat Herr Goebbels mit der totalen Mobilisierung beauftragt.» Dieser Titel prangt am 26. Juli 1944 in der Unterwalliser Zeitung «Journal et feuille d’avis du Valais».

    Adolf Hitler hat seinen Volksaufklärungs- und Propagandaminister Joseph Goebbels am Vortag zum «Reichsbevollmächtigten für den totalen Kriegseinsatz» ernannt. Deutschland steigt nun endgültig auf die totale Kriegswirtschaft um; nachdem Goebbels bereits im Frühjahr zuvor – nach der desaströsen Niederlage von Stalingrad – das deutsche Volk in seiner ikonischen Rede gefragt hat, ob es den «totalen Krieg» wolle. Das Nazi-Regime lässt alle für den Krieg unbedeutenden Betriebe einstellen. Weite Teile der deutschen Zivilbevölkerung arbeiten fortan in der Rüstungsindustrie.

    Die Kriegsführung wird in ganz Europa immer härter. Das wird auch dem kleinen Walliser Dörfchen Saint-Gingolph am Genfersee zum Verhängnis.

    Es sind turbulente Wochen für das Dritte Reich. Anfang Juni landen die Alliierten mit der grössten Invasionstruppe aller Zeiten in der Normandie. Ende Juni bricht die Heeresgruppe Mitte unter dem Ansturm der Roten Armee zusammen: Hunderttausende Deutsche fallen oder geraten in Gefangenschaft – es ist die schwerste und verlustreichste Niederlage der deutschen Militärgeschichte. Der Untergang von Hitlers Reich scheint so nah wie noch nie.

    Die Ereignisse überschlagen sich

    Am 20. Juli verübt der deutsche Offizier Claus Schenk Graf von Stauffenberg ein Attentat auf Adolf Hitler in dessen Hauptquartier, der Wolfsschanze. Er und seine Mitstreiter scheitern. Hitler lässt sie noch gleichentags hinrichten. Der Zweite Weltkrieg – er sollte noch mehr als ein ganzes Jahr andauern.

    Wenige Zeilen oberhalb der Meldung über die totale Mobilisierung Deutschlands berichtet ein Augenzeuge im «Journal et feuille d’avis du Valais» am 26. Juli über die Ereignisse im kleinen Walliser Dörfchen Saint-Gingolph, die sich nur zwei Tage nach dem Stauffenberg-Attentat – am 22. und 23. Juli – zugetragen haben:

    Als die SS ins Dorf kam, öffnete sie die Türen und Fenster der Häuser. Sie stapelte die Möbel in den Zimmern, übergoss sie mit Öl und zündete sie an. Wenn die Flammen nicht so schnell hochschlugen, wie die SS-Männer es wollten, warfen sie eine Handgranate. Mit einer Zigarette zwischen den Lippen sassen sie auf dem Rand des Trottoirs und beobachteten, wie die Flammen ihr Zerstörungswerk verrichteten. Als eine Frau versuchte, die Grenze zu überqueren, feuerte einer von ihnen einen Schuss in ihre Richtung ab.

    Doch wie kam es dazu, dass die deutsche Schutzstaffel (SS) ein kleines Dorf am Genfersee niederbrannte?

    Durch Grenzen getrennt, durch die Tragödie vereint

    Saint-Gingolph ist seit 1569 zweigeteilt. Damals schlossen die Walliser und die Savoyer einen Vertrag, der die Grenze zwischen ihnen entlang der Morge festlegte, einem Bächlein, das mitten durch die Ortschaft fliesst.

    Der Bach Morge fliesst mitten durch Saint-Gingolph – und trennt nicht nur das Dorf, sondern auch Frankreich (links) von der Schweiz. Quelle: Screenshot Google Earth

    Seit 1942 ist der französische Teil Saint-Gingolphs unter deutscher Besatzung. Im Juli 1944 kommt es hier zur blutigen Tragödie, welche sich diese Woche zum 80. Mal jährte.

    Weil die Alliierten die deutschen Streitkräfte im Sommer 1944 so sehr in die Defensive gedrängt haben, sehen die französischen «Maquisards» ihre Zeit gekommen. Sie gehen in die Offensive. «Maquisards» nennt man die französischen Résistance-Kämpfer, die im seit Frühsommer 1940 von Deutschland besetzten Frankreich gegen die Nazis einen Widerstands- und Guerillakrieg führen. Es ist eine aus Thonon stammende Sektion der «Francs-tireurs et partisans» (FTP), einer kommunistischen Résistance-Gruppe, die den Befehl erhält, den deutschen Grenzposten in Saint-Gingolph anzugreifen. Ihr Ziel: Die im Hôtel de France einquartierte deutsche Garnison zu neutralisieren.

    Am Morgen des 22. Juli 1940 zieht eine Gruppe der FTP-Sektion vom Bergdorf Novel aus in Richtung Saint-Gingolph los, eine andere Gruppe nimmt die Route d’Evian. Das Überraschungsmoment soll den Résistance-Kämpfern helfen, die Deutschen zu überrumpeln. Doch es kommt anders: Die Gruppe aus Novel stösst auf ihrem Weg auf eine Patrouille zweier deutscher Soldaten, die sich mit einer Frau unterhalten. Ein jugendlicher Résistant verliert die Nerven – und eröffnet das Feuer. Während des kurzen Gefechts finden die Frau und einer der Soldaten den Tod; die Deutschen im Dorf schlagen Alarm.

    Was folgt, ist ein mehrstündiges Feuergefecht. Mehr als zwei Dutzend Menschen verlieren dabei ihr Leben. Deutsche Soldaten, Franzosen, auch Zivilisten. Einige Verletzte schaffen es dank der Hilfe von Dorfbewohnern bis Monthey ins Spital. Die Résistants treten den Rückzug an – der Anschlag ist gescheitert. So wie jener Stauffenbergs nur zwei Tage zuvor.

    Die deutsche Vergeltung kommt prompt

    Doch damit endet die Geschichte der Tragödie von Saint-Gingolph nicht. Im Gegenteil: Die Deutschen lechzen nach Vergeltung. Das weiss man auch im Dorf. Es bricht Panik aus. André Chaperon, der Präsident der Walliser Gemeinde, passiert die Grenze im Dorf und versucht, mit den Deutschen zu verhandeln. Deren Kommandant, Hauptmann Hartmann, macht Chaperon klar, dass er den Befehl erhalten habe, Saint-Gingolph dem Erdboden gleichzumachen. Die Nazis, sie vollstrecken stets derartige Vergeltungsmassnahmen an der Zivilbevölkerung, wenn Partisanen Aktionen gegen sie durchführen.

    Dennoch verspricht Hartmann, die Kirche, die beiden Gemeinden gehört, und einen Teil des Dorfes zu verschonen. Die Schweizer öffnen die Grenze – Frauen und Kinder fliehen ins Wallis, bringen sich in Sicherheit.

    Am nächsten Morgen trifft gegen 11 Uhr ein SS-Bataillon aus Annemasse ein. Die SS-Männer nehmen sechs Geiseln. Fünf davon richten sie an der Stelle, wo heute das «Monument des fusillés» steht, hin. Den Pfarrer, der bei seinen Leuten bleiben wollte und daher nicht auf die Walliser Seite geflohen ist, erschiessen die Nazis mit einer Maschinenpistole.

    Eines der seltenen Fotos von Soldaten des Schutzstaffel-Bataillons in Saint-Gingolph, 23. Juli 1944. Quelle: zvg

    Den oberen Dorfteil steckt die SS in Brand. Auch die Kirche droht niederzubrennen. Von der anderen Seite der Grenze versuchen die Walliser Feuerwehrmänner, die Flammen zu löschen. Vorerst vergeblich – dann erlaubt Hauptmann Hartmann der Feuerwehr schliesslich, die Grenze zu passieren. Die Schutzstaffel zieht wieder ab – und hinterlässt 80 niedergebrannte Gebäude. Hunderte Zivilisten haben es auf die Schweizer Seite geschafft.

    Fast einen Monat später befreien die Alliierten Saint-Gingolph. Die Bewohner kehren zurück. Sie treffen auf Ruinen. Und finden die Leichname der Geiseln – darunter auch die des Dorfpfarrers.

    Die Ruinen Saint-Gingolphs nach der Tragödie vom Juli 1944. Quelle: zvg/Izard

    SS-Kriegsverbrecher kommt ungestraft davon

    Der SS-Unteroffizier, der die fünf Geiseln getötet hat, heisst Bernhard Isbach. Er flieht noch im selben Sommer in die Schweiz, wo sein Verbrechen den Behörden bekannt ist. Dennoch wird er nicht bestraft – schlussendlich schiebt man ihn im Frühjahr 1945 nach Deutschland ab.

    Noch heute gehört Saint-Gingolph zwei Staaten an. Doch das Dorf verbindet mehr, als es trennt. Bezahlt man zwar auf der einen Seite mit Euro und auf der anderen mit Franken, fühlen sich die Bewohner von den zwei Gemeinden dennoch nicht als solche: «On est tous gingolais.» Seit der Bluttat von 1944 findet hier alljährlich eine Gedenkfeier statt, an der sowohl französische als auch schweizerische Vertreter teilnehmen.

  • Geschützt: Leukerbad

    Geschützt: Leukerbad

    This content is password-protected. To view it, please enter the password below.