Walliser Bote, 20.10.2025
Ein Schweizer Historiker und ein italienischer Guide spannen zusammen, um das Oberwallis und das Ossolatal näher zusammenzubringen. Erster Schritt: eine historische Wanderung in Varzo.

Quelle: zvg
Alle Oberwalliser kennen es – das Val Divedro. Ein jeder hat es schon unzählige Male durchquert. Das Tal zieht sich vom Simplonpass über die italienisch-schweizerische Landesgrenze durch Varzo bis nach Crevoladossola.
Und doch weiss kaum jemand etwas über das Val Divedro – oder über die Geschichte, die sich darin verbirgt. Nicht einmal die Einheimischen, wie der ehemalige Tierarzt Alberto Zorloni sagt. Er ist in Varzo aufgewachsen – genauer: im Bahnhofshäuschen, wo sein Vater «capostazione», also Bahnhofsvorsteher, war. Ein Beruf, den es längst nicht mehr gibt.
Zorloni beschäftigt sich mit dem, was vergessen ging. Er ist Guide, Wanderführer – und Kenner des Val Divedro und seiner Geheimnisse. Unter dem Namen «Ossola Cultura» organisiert er Touren im ganzen Ossolatal. Am Samstag leitete er eine historische Wanderung von Varzo nach Iselle.
Dabei begleitete ihn Raphael Rues. Der Tessiner ist Historiker, lebt seit Jahren in Bern. Und kennt die jüngere Geschichte des Ossolatals wie kein Zweiter. Sein Verein Insubrica Historica widmet sich dem geschichtlichen Erbe der Region. Gemeinsam mit Zorloni will er grenzüberschreitende Erinnerungskultur fördern. Oder anders gesagt: Ossola und das Oberwallis einander näherbringen.
Die beiden Regionen sind seit jeher eng miteinander verbunden – trotz zweier Grenzen: der physischen, den Bergen, und der sprachlichen. Doch Mobilität und Migration haben Ossola und das Wallis immer miteinander verflochten.
Schon die Walser zogen über die Alpen nach Süden. Später blühte der Handel – Stockalper baute die Simplonstrasse aus und wurde durch den Kommerz steinreich. Dann kamen die Auswanderer und Schmuggler, und in den Weltkriegen die Flüchtlinge. Im Kampf gegen Faschismus und Nazismus spannten Walliser und Partisanen über die Grenze hinweg zusammen.
Die Grenze zwischen Italien und der Schweiz verschob sich über die Jahrhunderte immer wieder. Zorloni sagt: «Grenzen gibt es nur in den Köpfen der Menschen. Das Simplongebiet ist eine Region.»
Ein Tal, von Menschenhand verändert
Wer nach Italien fährt und Iselle passiert, sieht vor Varzo am Strassenrand zahlreiche Gebäude. Oder das, was von ihnen übrig geblieben ist. Sie sind Zeugen dessen, was das Oberwallis und Ossola vor mehr als hundert Jahren noch näher verband: dem zweiröhrigen Simplontunnel, einer technischen Meisterleistung ihrer Zeit. Mit fast 20 Kilometern Länge war er damals der längste Eisenbahntunnel der Welt.
Die Ruinen entlang der Simplonstrasse gehörten einst zum Dorf Balmalonesca, in dem mehrere Tausend Bergleute lebten – dem Arbeiterdorf während des Tunnelbaus. In den 1920er-Jahren wurde es zerstört, als die Diveria über die Ufer trat. Sie hatte keinen Platz mehr: Das Ausbruchmaterial des Tunnels – schätzungsweise rund eine Million Kubikmeter – hatte das Tal stark verengt. Gesicherte Zahlen dazu gibt es nicht.

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Auf der Südseite wurde das Ausbruchmaterial des Tunnels aufgeschüttet. Heute steht auf diesem mehrere Dutzend Meter hohen und kilometerlangen künstlichen Wall ein junger Wald – und ein Wanderweg, auf den Zorloni seine Gruppe am Samstag führte.
Mitten im Wald liegt eine Ruine: das ehemalige Hauptquartier der Jura-Simplon-Bahn. Sie war, gemeinsam mit dem Hamburger Ingenieurbüro Brandt & Brandau, federführend beim Bau des Tunnels. 1903 wurde die wirtschaftlich erfolgreiche Gesellschaft verstaatlicht und in die SBB integriert.

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Auf der anderen Talseite liegt der Bahnhof von Iselle – ebenfalls auf künstlichem Erdwall, gebaut aus dem Aushub des Kehrtunnels bei Varzo. Die Gleise und Anlagen aus der Bauzeit von 1893 bis 1903 sind längst verschwunden, doch die Spuren davon sind bis heute sichtbar.
Eine Festung aus Angst vor einer Invasion
Zorlonis Wanderung endet bei einer der italienischen Simplonfestungen. Eines Tages, so hofft er, soll der Wanderweg noch weiter führen. Seit Jahren gibt es Pläne, den Stockalperweg einst bis nach Domodossola weiterzuführen. Doch in Italien fehlt das Geld. Und solche Projekte müssten dort oft jahrzehntelang reifen, sagt Milvio Luongo, Tourteilnehmer und Mitglied der Gemeindeexekutive von Varzo, mit einem lachenden und einem weinenden Auge.
Die imposante, mehrstöckige Festung aus dem Jahr 1940 hat nur einen Eingang – ganz in der Nähe des Südportals des Simplontunnels. Sie ist offen, aber verlassen. Nur Spinnen treiben sich darin herum, Wasser läuft durch die Gänge, an manchen Stellen wachsen Wurzeln der darüberliegenden Bäume in die Stollen hinein.

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Benutzt wurde das «Forte Est», wie Zorloni es nennt, nie. Rund hundert Mann hätten hier Platz gehabt. Das Festungsinnere misst rund 400 Meter und ist ausgestattet mit zahlreichen Maschinengewehr- und Kanonenstellungen. Die Waffen wurden jedoch nie installiert – sie wären ohnehin aus dem Ersten Weltkrieg und damit veraltet gewesen.

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Warum also bauten die Italiener mitten im Zweiten Weltkrieg überhaupt eine Festung am Simplon? Mussten sie sich vor den Schweizern fürchten?
Historiker Raphael Rues nennt verschiedene mögliche Gründe. Einerseits trauten die Italiener Hitler nie ganz. Andererseits auch den Schweizern nicht. Schon im Ersten Weltkrieg hatte Italien befürchtet, die mit Deutschland sympathisierende Schweiz unter dem preussophilen General Ulrich Wille könne aufseiten Deutschlands in den Krieg eintreten.
Und im Zweiten Weltkrieg gab es tatsächlich Schweizer Angriffspläne gegen Italien: Unter General Henri Guisan erliess die Armee 1944 den Operationsbefehl 16. Im Fall einer proaktiven Verteidigung hätte die Schweiz das Ossolatal bis Verbania besetzt, um sich besser schützen zu können.

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Die Festung ist ein eindrückliches Bauwerk – ein Relikt aus einer Zeit der Angst. Sie wurde errichtet, als Italien hungerte, und nie gebraucht. Ebenso wenig wurde sie unterhalten. Ein Unterschied, der Rues sofort auffällt. Auch wenn Zorloni sagt, die italienischen Festungen seien schöner als jene nördlich der Grenze.
Die Idee der Zusammenarbeit von Ossola Cultura und Insubrica Historica ist, den grenzüberschreitenden Austausch zwischen dem Oberwallis und dem Ossolatal zu vertiefen. Weitere historische Veranstaltungen wie jene in Varzo sollen folgen – zu Themen wie den Walsern, den Schmugglern oder den Partisanen.
Das Projekt steckt zwar noch in den Kinderschuhen. Doch das Potenzial sei da, ist sich Rues sicher. Grenzübergreifend – wie die Geschichte selbst. Dasselbe gilt für den Stockalperweg, der dereinst bis nach Domodossola führen soll.
