Walliser Bote, 10.01.2026
Die gesamte Schweiz trauert um die 40 Toten und mehr als 100 Verletzten von Crans-Montana. Auch am Ort der Tragödie – wo die Trauer besonders gross ist.

Quelle: Keystone
Könnten Tränen heilen, lebten wir in einer heilen Welt. So viele Tränen wurden in den vergangenen Tagen vergossen. In der ganzen Schweiz, im Ausland, aber vor allem in Crans-Montana, dem Ort der Brandkatastrophe, wo vor mehr als einer Woche 40 Menschen ihr Leben liessen und mehr als 100 weitere schwer verletzt wurden.
Doch die Welt ist nicht heil. Sie ist, in William Shakespeares Worten gesprochen, aus den Fugen.
Am Freitag fand in Crans-Montana, wie im ganzen Lande, der von Bundespräsident Guy Parmelin ausgerufene nationale Trauertag in Gedenken an die Opfer und Verletzten von Crans-Montana statt. Des Wetters und der Sicherheitsbedenken wegen wurde die Feier im CERM in Martinach abgehalten. Doch die Zeremonie wurde in Crans-Montana live übertragen, auf drei Grossbildschirmen, an verschiedenen Standorten. Tausende waren dabei.
Auch acht Tage nach der Tragödie ist das sich in der Hochsaison befindende Crans-Montana voller Polizisten und Journalisten. Doch auf den Terrassen sind an diesem Freitag – im Gegensatz zu den ersten sonnigen Tagen des Jahres – keine johlenden Touristen beim Apéro auszumachen. Ein Schleier hängt über Crans-Montana. Es ist nur Nebel, doch er scheint wie eine Trauerdecke über dem Ort zu liegen.
Das Dorf ist winterlich gekleidet, es schneit. Ein kalter Wind zieht durch die Strassen. Die Menschen, dick eingepackt, die meisten in Schwarz, viele von ihnen tragen Blumen, strömen in Scharen zum Kongresszentrum Le Régent und zur Place du Scandia.

Quelle: pomona.media
Die Verantwortlichen sprachen im Vorfeld von 1300 bis 1500 Personen im Kongresszentrum Le Régent. Die Feier ist anmeldepflichtig und war schon Tage zuvor ausgebucht, weshalb sich weitere Hunderte Menschen auf der Place du Scandia neben der Kirche einfinden, um der Feier bei Wind und Schneefall beizuwohnen. Vor allem Einheimische, aber auch Menschen aus der Region Sitten und Siders sowie Gäste aus nah und fern nehmen daran teil.

Quelle: Keystone
Noch vor Beginn der Übertragung geht ein Raunen durch die Pressetribüne. Der Gemeindepräsident von Crans-Montana, Nicolas Féraud, von den Medien gescholten, getrieben und beinahe zerfleischt, legt in der Turnhalle Le Régent einen Kranz nieder. Dutzende Kerzen brennen unter dem Grossbildschirm. Während sie leuchten, sind die Lichter der 40 verstorbenen und vorwiegend jungen Menschen für immer erloschen. Es herrscht andächtige Stille in der Turnhalle, die sonst Schauplatz für Spiel, Spass und Leben der Jugend ist.
Ein erstes Mal laut wird es, als die zahlreichen Rettungskräfte – Feuerwehrleute, Samariter, First Responder – den Raum betreten. Die Menschen stehen auf und applaudieren. Damit erweisen sie ihnen Respekt.

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In den ersten Tagen nach der Katastrophe sprachen Betroffene und Rettungskräfte davon, dass man zu Beginn einfach funktioniert. Das Nachdenken, das Sinnieren, das Suchen nach einer Erklärung kommt erst später.
Die unzähligen Journalisten, die in den vergangenen Tagen Crans-Montana und die Region überfluteten, sie haben viel geschrieben. Viel spekuliert, viel konstruiert und gar fingiert. Nach wenigen Tagen war alle pietätvolle Zurückhaltung verflogen. Doch am nationalen Trauertag rückt all das in den Hintergrund. Es ist an der Zeit, innezuhalten, zu gedenken – zu trauern.

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Während Staatsratspräsident Mathias Reynard, der durch seine empathisch-authentische Art so viele Herzen zu erreichen vermag, und Bundespräsident Guy Parmelin ihre Ansprachen halten, herrscht im Le Régent Totenstille. Reynards Worte, in vier Sprachen gesprochen, dürften bei zahlreichen Anwesenden Gänsehaut auslösen.
Viele Menschen halten Hände, liegen sich in den Armen. Nicht wenige halten Taschentücher in der Hand und vor dem Gesicht, vielen kommen die Tränen. Es sind viele trauernde Angehörige in Crans-Montana. Die hier zusammengekommene Gemeinschaft, sie wirkt familiär. Viele kennen sich. Und viele kannten jene, die nicht mehr sind.
Andere verschränken die Arme vor der Brust, als würden sie sich trotzig weigern, das zu akzeptieren, was geschehen ist.
Die Menge applaudiert ein zweites Mal, als drei Jugendliche Reden halten. Die Jugend ehrt die Jugend. Die erste Rednerin sagt, sie sei vis-à-vis des Lokals Le Constellation gewesen, als es zur Katastrophe kam. Nach dem Applaus herrscht wieder Stille.
Nach etwas mehr als anderthalb Stunden endet die Übertragung aus Martinach. Während dort weisse Rosen niedergelegt werden, trösten sich die Menschen im Le Régent. Dann verlassen sie die Halle.

Quelle: Keystone
Die Opfer von Crans-Montana werden Jahrhunderte in Erinnerung bleiben. So bleiben sie lebendig, genau wie Shakespeare und seine Worte auch heute noch lebendig sind, vier Jahrhunderte nach seinem Tod.
Nach der Trauerfeier zerstreuen sich die Tausenden Trauernden. Noch immer hängt der Nebel über Crans-Montana. An manchen Stellen hat er sich jedoch gelichtet.
Viele weinen, trauern weiter. Die Vorkommnisse aufzuarbeiten, wird dauern, doch manche bringen allem Leid zum Trotz ein Lächeln, manche gar ein Lachen über die Lippen. Sie teilen das Erlebte, reden darüber. Gib Worte deinem Schmerz, schrieb Shakespeare in Macbeth, denn Gram, der nicht spricht, presst das beladene Herz, bis dass es bricht.
