Crans-Montana: Das Dorf, in dem Tragödie auf Tourismus trifft

Walliser Bote, 3.1.2026

Am Tag nach der Katastrophe im «Le Constellation» trauert Crans-Montana. Doch das Leben geht weiter. Eine Reportage.

In Crans-Montana kommt alles zusammen: Trauernde, Touristen, die Ski fahren, und Journalisten.
Quelle: pomona.media

Eine Familie mit Poussette schlendert über die Place des Charmettes in Crans. Sie sprechen Englisch, sind offenbar Touristen. Sie kreuzen einen Mann, die Skier geschultert. Seine Skischuhe klackern über den Platz. Das Wetter in Crans-Montana – ideal für die Piste.

Alles scheint normal. Auf dem Platz steht auch Bruno Huggler. Er ist Tourismusdirektor von Crans-Montana und sagt: «Das Leben geht weiter, die Destination befindet sich im saisonalen Hochbetrieb.»

Doch seit Donnerstagmorgen ist in Crans-Montana nichts mehr, wie es war. Mindestens 40 Menschen starben in der Silvesternacht, mehr als hundert weitere sind teils schwer verletzt. Ein Brand im Lokal Le Constellation hat das Dorf, das Wallis, die Schweiz, die ganze Welt schockiert.

In weiten Teilen Crans-Montanas herrscht touristischer Alltag.
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Und trotzdem scheint auf der Place des Charmettes alles beim Alten zu sein. Wie ist das möglich?

Keine 300 Meter weiter nördlich ist die Welt eine andere. Auf der Rue Centrale wimmelt es von Journalisten. Hunderte von ihnen sind aus aller Herren Länder angereist. Während die Brandopfer der Silvesternacht von Crans-Montana nach Frankreich, Deutschland, Italien oder Polen überführt wurden, schwärmten in den vergangenen Stunden Medienschaffende aus Spanien, England, den Niederlanden oder Tschechien nach Crans-Montana.

Medienschaffende aus etlichen Ländern in Crans-Montana.
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Es wird viel spekuliert. Manche sprechen über die Feuerkerzen auf den Champagnerflaschen, die den Brand der Decke ausgelöst haben sollen. Der eine oder andere Passant will wissen, wie alles vor sich gegangen sein soll. Doch auf die Frage, ob er im Lokal war, heisst es: «Nein, aber ist ja alles im Internet.»

Betroffene, Angehörige, Einheimische, Touristen, Journalisten. Sie stehen alle vor dem «Le Constellation», jenem Lokal, das über Nacht weltbekannt wurde. Als Todesbar. Nur der Schriftzug «Lounge Bar – Le Constellation – Wine Bar» ist von ausserhalb der Absperrungen zu sehen. Die Schrecken der Feuerhölle spiegeln sich am Freitagmorgen nur noch in den Gesichtern der Menschen. Menschen, die hadern und hoffen, zweifeln und trauern.

Das Lokal «Le Constellation» ist abgesperrt.
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Einer dieser Menschen ist Marco. Seinen Nachnamen will er nicht nennen, obwohl er schon vor Dutzenden Mikrofonen Rede und Antwort stand – vor dem Lokal drängen sich Hunderte Reporter. Es ist ein Medienansturm, wie ihn die meisten nur einmal im Leben sehen.

Genauso einmalig sind die Szenen, die Marco nur einen Tag zuvor am selben Ort erleben musste. Der 20-jährige Italiener sagt: «Das war das Schlimmste, was ich in meinem Leben gesehen habe.»

Der 20-jährige Marco aus Mailand ist traumatisiert. Seine Freunde sind nach wie vor vermisst.
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Die Solidarität ist gross.
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Nur durch Zufall steht Marco vor den Medien. Er hätte in der Silvesternacht im «Le Constellation» feiern sollen – wie rund 20 seiner Freunde. Die Hälfte liegt verletzt im Spital. Einige werden noch vermisst: «Wir haben seither nichts von ihnen gehört, auch nicht von den Eltern, von niemandem.»

Kurz vor dem Ausbruch des Feuers wollte Marco in die Bar zu seinen Freunden. Doch der Türsteher liess ihn warten – das Lokal war voll. Weil gleichzeitig ein Bus ankam, entschied sich Marco, mit diesem nach Montana zu fahren. Dort feierte er, bis die Nachricht vom Feuer eintraf. Er eilte zurück, doch es war zu spät. «Ich sah sehr schlimme Dinge.»

Trauernde und Journalisten belagern das Blumenmeer.
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Zwischen den Medienschaffenden und dem den Opfern geltenden Blumenmeer irrt ein weiterer junger Italiener umher. Auch er hat Freunde, die vermisst, vielleicht tot sind. Den Journalisten kommen Menschen wie er und Marco gelegen. Sie sprudeln aus sich heraus und hauen ein Zitat nach dem anderen ins Mikrofon. Doch warum tun sie das?

Marco sagt, er sei schockiert und traumatisiert. Je mehr Zeit vergehe, desto schlechter gehe es ihm. Trotzdem treibt er sich vor dem Unglücksort herum. «Wir hoffen, hier von den Polizisten und den Journalisten zu erfahren, ob es Neuigkeiten gibt.» Eine Journalistin meint, die jungen Betroffenen hätten einfach ein Bedürfnis zum Reden.

Während Marco spricht, legen Menschen neben ihm Blumen auf die Strasse. Die Kamerateams saugen die Momente mit ihren Objektiven auf. Vor dem «Le Constellation» herrscht ein Sprachengewirr sondergleichen. Von Portugiesisch bis Polnisch ist alles zu hören. Die Hunderten Journalisten sammeln unermüdlich Stimmen von Betroffenen.

Jede Bewegung wird von unzähligen Kameras eingefangen.
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Das mediale Interesse ist gewaltig.
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Eine junge Frau, zu Tränen gerührt, winkt schluchzend ab und hastet davon.

Nur kurz später schlendert ein Skifahrer mitten durch die Menschenmenge. Verwundert erblickt er das Blumen- und Medienmeer. Doch er hält nicht inne – sondern zieht weiter. Genau hier, an diesem Ort, zu diesem Zeitpunkt, prallen in Crans-Montana Welten aufeinander.

Inmitten von Journalisten und Trauernden schlendern Skifahrer durchs Dorf.
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Die eine Welt ist in Trauer gehüllt. Sie trägt Blumenkränze, spendet Trost und versucht, Tränen zu trocknen. Das Mitgefühl reicht von der Rue Centrale bis in den Élysée-Palast in Paris, wo der französische Präsident sein Mitgefühl für die Opfer und Angehörigen von Crans-Montana ausdrückt. Und darüber hinaus.

Die andere Welt ist jene der Unbetroffenheit. Der Gleichgültigkeit, könnte man sagen. Eine Gleichgültigkeit, der wir Menschen von heute zusehends anheimfallen. Sie beginnt nur wenige Meter neben dem «Le Constellation». Sie befindet sich in Crans-Montana selbst. Die ganze Welt schreibt von einem Dorf in Trauer. Doch ist es das wirklich?

Nein. Tragödie und Alltag treffen aufeinander. Oder wie es Bruno Huggler sagt: «Wir haben Gäste, die hier weiter Ferien machen. Das ist auch ihr gutes Recht.» Nicht alle seien von der Katastrophe direkt betroffen. Die Menschen gehen Ski fahren, wandern, etwas trinken. Auf einer Sonnenterrasse johlen einige Holländer beim Aperitif. Wer kann es ihnen verübeln, sind sie doch in den Ferien.

Bruno Huggler ist seit elf Jahren Tourismusdirektor von Crans-Montana.
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Die Läden im Dorf sind alle geöffnet. Zwar wurden einige Angebote angepasst – Partys gibt es kaum. Doch die Trauernden brauchen Begegnungsorte. Und die Gäste Ferienorte.

Auch die Bahnen laufen. Alles herunterzufahren, um auch die Spitäler zu schützen, wäre der falsche Ansatz, sagt Huggler. «Wir appellieren an die Sporttreibenden, vorsichtig zu sein, damit die Spitäler nicht noch weiter belastet werden. Die Leute sind sensibilisiert.»

Seit elf Jahren ist Huggler Tourismusdirektor in Crans-Montana. Die vergangenen Stunden seien die schwierigsten gewesen, die er je habe erleben müssen. «Man geht nie von einer solchen Situation aus, aber plötzlich ist sie da.» Dass unter den Opfern sehr viele junge Leute seien, sei besonders tragisch. «Doch es muss weitergehen.»

Grosse Anteilnahme in Crans-Montana.
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Die Destination befindet sich im saisonalen Hochbetrieb. Trotz Tragödie wird Ski gefahren.
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Huggler versucht derzeit, eine Balance zu finden. Zwischen Solidarität und Respekt gegenüber Opfern und Angehörigen und den Gästen, denen man Sicherheit geben will.

Es ist ein Kampf, zwei Welten gerecht zu werden. Tragödie und Trauer treffen hier auf Tourismus und Tagesgeschäft. Der eine trägt einen Blumenstrauss, der andere ein Snowboard. In dieser Welt gibt es Platz für beide. So surreal sie dieser Tage auch erscheinen mag.

Crans-Montana atmet weiter. Die Lifte surren, Menschen lachen und weinen. Ein Mann entzündet eine Grabkerze und stellt sie zu den Blumen.

Die Tage werden vergehen. Doch diese eine Nacht wird in Crans-Montana niemals vergessen gehen.

Ein Mann zündet eine Grabkerze an.
Quelle: pomona.media
Die Tragödie von Crans-Montana wird für immer in Erinnerung bleiben.
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