Walliser Bote, 27.07.2024
Das schweizerisch-französische Grenzdorf Saint-Gingolph gerät im Sommer 1944 zwischen die Fronten – auf einen Angriff der Résistance antwortet die Schutzstaffel mit blutiger Rache.

«Der Führer hat Herr Goebbels mit der totalen Mobilisierung beauftragt.» Dieser Titel prangt am 26. Juli 1944 in der Unterwalliser Zeitung «Journal et feuille d’avis du Valais».
Adolf Hitler hat seinen Volksaufklärungs- und Propagandaminister Joseph Goebbels am Vortag zum «Reichsbevollmächtigten für den totalen Kriegseinsatz» ernannt. Deutschland steigt nun endgültig auf die totale Kriegswirtschaft um; nachdem Goebbels bereits im Frühjahr zuvor – nach der desaströsen Niederlage von Stalingrad – das deutsche Volk in seiner ikonischen Rede gefragt hat, ob es den «totalen Krieg» wolle. Das Nazi-Regime lässt alle für den Krieg unbedeutenden Betriebe einstellen. Weite Teile der deutschen Zivilbevölkerung arbeiten fortan in der Rüstungsindustrie.
Die Kriegsführung wird in ganz Europa immer härter. Das wird auch dem kleinen Walliser Dörfchen Saint-Gingolph am Genfersee zum Verhängnis.
Es sind turbulente Wochen für das Dritte Reich. Anfang Juni landen die Alliierten mit der grössten Invasionstruppe aller Zeiten in der Normandie. Ende Juni bricht die Heeresgruppe Mitte unter dem Ansturm der Roten Armee zusammen: Hunderttausende Deutsche fallen oder geraten in Gefangenschaft – es ist die schwerste und verlustreichste Niederlage der deutschen Militärgeschichte. Der Untergang von Hitlers Reich scheint so nah wie noch nie.
Die Ereignisse überschlagen sich
Am 20. Juli verübt der deutsche Offizier Claus Schenk Graf von Stauffenberg ein Attentat auf Adolf Hitler in dessen Hauptquartier, der Wolfsschanze. Er und seine Mitstreiter scheitern. Hitler lässt sie noch gleichentags hinrichten. Der Zweite Weltkrieg – er sollte noch mehr als ein ganzes Jahr andauern.
Wenige Zeilen oberhalb der Meldung über die totale Mobilisierung Deutschlands berichtet ein Augenzeuge im «Journal et feuille d’avis du Valais» am 26. Juli über die Ereignisse im kleinen Walliser Dörfchen Saint-Gingolph, die sich nur zwei Tage nach dem Stauffenberg-Attentat – am 22. und 23. Juli – zugetragen haben:
Als die SS ins Dorf kam, öffnete sie die Türen und Fenster der Häuser. Sie stapelte die Möbel in den Zimmern, übergoss sie mit Öl und zündete sie an. Wenn die Flammen nicht so schnell hochschlugen, wie die SS-Männer es wollten, warfen sie eine Handgranate. Mit einer Zigarette zwischen den Lippen sassen sie auf dem Rand des Trottoirs und beobachteten, wie die Flammen ihr Zerstörungswerk verrichteten. Als eine Frau versuchte, die Grenze zu überqueren, feuerte einer von ihnen einen Schuss in ihre Richtung ab.
Doch wie kam es dazu, dass die deutsche Schutzstaffel (SS) ein kleines Dorf am Genfersee niederbrannte?
Durch Grenzen getrennt, durch die Tragödie vereint
Saint-Gingolph ist seit 1569 zweigeteilt. Damals schlossen die Walliser und die Savoyer einen Vertrag, der die Grenze zwischen ihnen entlang der Morge festlegte, einem Bächlein, das mitten durch die Ortschaft fliesst.

Seit 1942 ist der französische Teil Saint-Gingolphs unter deutscher Besatzung. Im Juli 1944 kommt es hier zur blutigen Tragödie, welche sich diese Woche zum 80. Mal jährte.
Weil die Alliierten die deutschen Streitkräfte im Sommer 1944 so sehr in die Defensive gedrängt haben, sehen die französischen «Maquisards» ihre Zeit gekommen. Sie gehen in die Offensive. «Maquisards» nennt man die französischen Résistance-Kämpfer, die im seit Frühsommer 1940 von Deutschland besetzten Frankreich gegen die Nazis einen Widerstands- und Guerillakrieg führen. Es ist eine aus Thonon stammende Sektion der «Francs-tireurs et partisans» (FTP), einer kommunistischen Résistance-Gruppe, die den Befehl erhält, den deutschen Grenzposten in Saint-Gingolph anzugreifen. Ihr Ziel: Die im Hôtel de France einquartierte deutsche Garnison zu neutralisieren.
Am Morgen des 22. Juli 1940 zieht eine Gruppe der FTP-Sektion vom Bergdorf Novel aus in Richtung Saint-Gingolph los, eine andere Gruppe nimmt die Route d’Evian. Das Überraschungsmoment soll den Résistance-Kämpfern helfen, die Deutschen zu überrumpeln. Doch es kommt anders: Die Gruppe aus Novel stösst auf ihrem Weg auf eine Patrouille zweier deutscher Soldaten, die sich mit einer Frau unterhalten. Ein jugendlicher Résistant verliert die Nerven – und eröffnet das Feuer. Während des kurzen Gefechts finden die Frau und einer der Soldaten den Tod; die Deutschen im Dorf schlagen Alarm.
Was folgt, ist ein mehrstündiges Feuergefecht. Mehr als zwei Dutzend Menschen verlieren dabei ihr Leben. Deutsche Soldaten, Franzosen, auch Zivilisten. Einige Verletzte schaffen es dank der Hilfe von Dorfbewohnern bis Monthey ins Spital. Die Résistants treten den Rückzug an – der Anschlag ist gescheitert. So wie jener Stauffenbergs nur zwei Tage zuvor.
Die deutsche Vergeltung kommt prompt
Doch damit endet die Geschichte der Tragödie von Saint-Gingolph nicht. Im Gegenteil: Die Deutschen lechzen nach Vergeltung. Das weiss man auch im Dorf. Es bricht Panik aus. André Chaperon, der Präsident der Walliser Gemeinde, passiert die Grenze im Dorf und versucht, mit den Deutschen zu verhandeln. Deren Kommandant, Hauptmann Hartmann, macht Chaperon klar, dass er den Befehl erhalten habe, Saint-Gingolph dem Erdboden gleichzumachen. Die Nazis, sie vollstrecken stets derartige Vergeltungsmassnahmen an der Zivilbevölkerung, wenn Partisanen Aktionen gegen sie durchführen.
Dennoch verspricht Hartmann, die Kirche, die beiden Gemeinden gehört, und einen Teil des Dorfes zu verschonen. Die Schweizer öffnen die Grenze – Frauen und Kinder fliehen ins Wallis, bringen sich in Sicherheit.
Am nächsten Morgen trifft gegen 11 Uhr ein SS-Bataillon aus Annemasse ein. Die SS-Männer nehmen sechs Geiseln. Fünf davon richten sie an der Stelle, wo heute das «Monument des fusillés» steht, hin. Den Pfarrer, der bei seinen Leuten bleiben wollte und daher nicht auf die Walliser Seite geflohen ist, erschiessen die Nazis mit einer Maschinenpistole.

Den oberen Dorfteil steckt die SS in Brand. Auch die Kirche droht niederzubrennen. Von der anderen Seite der Grenze versuchen die Walliser Feuerwehrmänner, die Flammen zu löschen. Vorerst vergeblich – dann erlaubt Hauptmann Hartmann der Feuerwehr schliesslich, die Grenze zu passieren. Die Schutzstaffel zieht wieder ab – und hinterlässt 80 niedergebrannte Gebäude. Hunderte Zivilisten haben es auf die Schweizer Seite geschafft.
Fast einen Monat später befreien die Alliierten Saint-Gingolph. Die Bewohner kehren zurück. Sie treffen auf Ruinen. Und finden die Leichname der Geiseln – darunter auch die des Dorfpfarrers.

SS-Kriegsverbrecher kommt ungestraft davon
Der SS-Unteroffizier, der die fünf Geiseln getötet hat, heisst Bernhard Isbach. Er flieht noch im selben Sommer in die Schweiz, wo sein Verbrechen den Behörden bekannt ist. Dennoch wird er nicht bestraft – schlussendlich schiebt man ihn im Frühjahr 1945 nach Deutschland ab.
Noch heute gehört Saint-Gingolph zwei Staaten an. Doch das Dorf verbindet mehr, als es trennt. Bezahlt man zwar auf der einen Seite mit Euro und auf der anderen mit Franken, fühlen sich die Bewohner von den zwei Gemeinden dennoch nicht als solche: «On est tous gingolais.» Seit der Bluttat von 1944 findet hier alljährlich eine Gedenkfeier statt, an der sowohl französische als auch schweizerische Vertreter teilnehmen.
