«Die Belalp war Tyndalls Zauberberg»

John Tyndall (1820–1893), irischer Forscher und Alpinist, verbrachte jahrelang seine Sommer auf der Belalp. Quelle: zvg

Walliser Bote, 26.09.2025

Roger Meyenberg arbeitet an der Herausgabe der Briefe des irischen Naturwissenschaftlers John Tyndall mit. Ein Gespräch über einen vergessenen Forscher, dessen zweite Heimat die Belalp war.

Roger Meyenberg, war die Belalp eine britische Kolonie?

Wie kommen Sie darauf?

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hielten sich viele Engländer und auch der für die Briten arbeitende John Tyndall auf der Belalp auf. Und in den 1880er-Jahren entstand auf Lüsgen eine anglikanische Kapelle, ausschliesslich für die englischen Sommergäste.

Man könnte sagen, dass Tyndall die Belalp auf eine gewisse Art kolonisiert hat, aber erst, nachdem er 1876 die englische Adlige Louisa Hamilton heiratete und auf ihren Wunsch hin ein eigenes Haus – Louisa nannte es «Nest» – bauen liess. Tyndall machte die Belalp zu seinem zweiten Zuhause. Er verbrachte von den 1860er- bis 1890er-Jahren jeden Sommer dort, also gut ein Viertel seiner aktiven Karriere als Wissenschaftler.

Das goldene Zeitalter des Alpinismus, die viktorianische Reisekultur in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Was führte die Briten und auch einen Iren wie Tyndall überhaupt ins Wallis?

Einerseits die Faszination der Berge. Diese entstand schon früher während des 18. Jahrhunderts. Die Berge galten nicht länger als furchterregend, sondern wurden als erhaben empfunden. Damit entstand auch das wissenschaftliche Interesse an den Bergen. Tyndall als Physiker und Glaziologe war erst der Forschung wegen in den Berner Alpen, bis er 1861 die Belalp entdeckte. Er schrieb, es gebe in den Alpen keinen schöneren Ort mit einem solchen Ausblick wie auf der Belalp. Tyndall kam als Wissenschaftler und wurde in den Bergen zum Alpinisten.

Und andererseits?

Tyndall kam oft erschöpft und ausgebrannt aus England auf der Belalp an. Er war nicht nur Professor und später auch Direktor an der Royal Institution in London, er hatte ausserdem wichtige Beratungsfunktionen für die Regierung inne. Heute würde man bei ihm wahrscheinlich ein Burn-out diagnostizieren. Er litt auch unter Schlaflosigkeit. Die langen Sommeraufenthalte auf der Belalp hatten eine geradezu therapeutische Wirkung. Viele der Gäste kamen als Kranke und gingen als Gesunde heim und merkten dabei, dass die Berge auch ein natürliches Sanatorium sind. Auch Tyndall erholte sich auf der Belalp, ging auf Exkursionen mit Louisa, führte akribisch Tagebuch über seine Ernährung und kehrte stets voller Energie nach London zurück. Man könnte sagen: Die Belalp war Tyndalls «Zauberberg». Dort hatte er die Musse für Experimente, für Lektüre und auch fürs Schreiben. Er führte auf der Belalp nicht nur Tagebuch, sondern verfasste dort 1874 auch seine berüchtigte Schrift «Belfast Address», in der er die Vorrangstellung der Naturwissenschaften gegenüber der Theologie hervorhob.

Von Religion hielt Tyndall offenbar nicht viel.

Nein. Er war ein irisch-protestantischer Unionist, aber nur im politischen Sinne. Der Kirche gegenüber, besonders der katholischen, war er sehr kritisch eingestellt. Umso mehr erstaunt, dass er den Natischer Pfarrer Ignaz Amherd oder den Kaplan Benjamin Bammatter mit Spenden für die lokale Bevölkerung unterstützte. Meist in Höhe von 100 Franken, was heute etwa 1200 Franken entspricht.

Tyndall schien den Einheimischen wohlgesinnt zu sein. Aber mochten sie ihn auch?

Tyndall pflegte enge Kontakte zu Einheimischen, insbesondere zu Moritz Salzmann und dessen Frau Katharina. Salzmann findet in den Tagebüchern immer wieder Erwähnung. Tyndall schätzte ihn sehr. Trotzdem machte er auch schlechte Erfahrungen mit Einheimischen. Ein besonders interessanter Fall ist ein gewisser Joseph Imhoff, den ich noch nicht mit Sicherheit identifizieren konnte, da zu dieser Zeit mehrere Joseph Imhoffs in Naters lebten. Dieser Imhoff hat 1883 für Tyndall Schreinerarbeiten verrichtet und anschliessend Tyndalls Scheck gefälscht und eine erheblich grössere Summe bei der Bank eingelöst.

Imhoff hat Tyndall also betrogen.

Ja. Man darf dabei aber nicht vergessen, dass die Walliser Bevölkerung im 19. Jahrhundert grösstenteils bettelarm war. Die Versuchung, einige Franken von jemandem wie Tyndall herauszuholen, dürfte gross gewesen sein.

Karikatur John Tyndalls als Priester, aus dem Magazin «Vanity Fair», 1872, aus der Privatsammlung Roger Meyenbergs. Quelle: zvg

Nicht nur Imhoff bereitete Tyndall Ärger, auch mit dem Arbeitsverhalten mancher Handwerker war er unzufrieden.

Ja, Tyndall schrieb auch über einheimische Arbeiter in seinem Haus. Er habe neben ihnen stehen müssen, damit sie überhaupt arbeiteten. Im Gegensatz dazu waren die italienischen Arbeiter, die im Auftrag des Hoteliers Eduard Klingele und dessen englischen Hotelgästen eine anglikanische Kapelle bauten, kräftig und arbeitsam. Tyndall führte deren Tatkraft auf eine Ernährung aus «polenta and cheese» zurück.

Würden Sie Tyndall als Menschenfreund bezeichnen?

Ja, Bammatter bezeichnete Tyndall in einem Brief tatsächlich als «Wohlthäter». Besonders aufschlussreich ist ein Tagebucheintrag Tyndalls, in dem er beschreibt, wie er bei Freunden und Hotelgästen für einen «little Jossen of Naters» Geld sammelte: «216 francs 23 cents for the little boy», eine nicht unerhebliche Summe, entspricht dies doch heute etwa 2500 Franken.

Wie erklären Sie sich diese Wohltätigkeit?

Aus meiner Sicht wurzelt seine Philanthropie im klassischen Bildungsideal, das er aus seiner Studienzeit in Marburg mitgenommen hatte. Er sah Bildung als den sichersten Weg aus Armut und menschlichem Elend. Ein herausragendes Beispiel dafür ist der folgende Fall: In einem Brief Tyndalls an den damaligen Gemeindepräsidenten Ludwig Salzmann erwähnt Tyndall 1881 in seinem in Marburg erlernten Deutsch den «Sohn vom Spengler (Ticali?) der hier schrecklich verbrannt war» und den er anschliessend verarztet hat. Er war sehr beeindruckt vom Schicksal dieses Buben und beschloss, seine Ausbildung zu finanzieren. Weil Tyndall gehört hatte, die Schule in Brig sei besser als jene in Naters, entschied er sich, dem Jungen die Ausbildung in Brig zu bezahlen.

Konnten Sie herausfinden, wer dieser «Ticali» war?

Das habe ich lange versucht und wollte schon aufgeben, als ich von Roland Jackson einen weiteren Brief zur Bearbeitung erhielt. Er war kaum leserlich, in kindlicher Handschrift und holprigem Deutsch geschrieben. Es war ein undatiertes Dankesschreiben von einem Buben namens Franz Tichelli an Tyndall. Darin dankt Tichelli Tyndall für die Unterstützung, damit er seine Ausbildung fortsetzen konnte. Da wusste ich: Der «Ticali» muss dieser Franz Tichelli sein. Tatsächlich fand ich mithilfe eines Archivars einen «Franz Tichelli» im Studien-Katalog der Vorschule des Kollegiums in Brig.

Was wurde nach der Schule in Brig aus Tichelli?

Wie viele seiner Zeitgenossen wanderte Tichelli auf der Suche nach einem besseren Leben aus, aber nicht nach Argentinien, sondern nach England, wo er heiratete, als Übersetzer arbeitete und 1955 starb. Sein älterer Bruder folgte ihm ebenfalls nach London. Dieser hatte in England mehrere Kinder, deren Nachkommen noch heute dort leben und sich wahrscheinlich gar nicht bewusst sind, dass sie eigentlich Natischer sind und ihre Existenz indirekt John Tyndall verdanken. Die vielen Stunden solcher Archivarbeit ergeben schlussendlich nur eine kleine Fussnote in der «Correspondence» Ausgabe.

Tyndall leistete nicht nur finanzielle, sondern auch medizinische Hilfe. Sahen ihn die Einheimischen als Arzt?

Obwohl Tyndall kein Arzt war, behandelte er häufig Einheimische, die ihn um Hilfe baten. Meist verwendete er einfache Mittel wie «Gregory’s powder» gegen Magenbeschwerden. Am 4. August 1882 notierte Louisa, dass sie von kranken Leuten geradezu umringt wurden. Tyndall schrieb anschliessend an den Natischer Präsidenten Salzmann und unterbreitete ihm den Vorschlag, auf der Belalp ein «cottage hospital» zu erstellen für eine rudimentäre medizinische Versorgung, wenngleich Louisa skeptisch anmerkte, dass solch ein Plan unter den «stupid authorities» wohl wenig Anklang finde.

Gab es bei der Lektüre auch Momente, in denen Sie lachen mussten?

Ja, es gibt auch amüsante Episoden. Einmal präsentierte ein Einheimischer Louisa stolz das Ergebnis seiner Behandlung: einen über 3,5 Meter langen Bandwurm. Louisa war erstaunt und fasziniert zugleich: «I had never seen such a creature before. It is very curious.»

Wie gelangten diese Dokumente eigentlich in Ihre Hände?

Ich beschäftige mich seit mehr als zehn Jahren mit Tyndall. Sir Roland Jackson, der Hauptherausgeber der Edition der Briefe und Autor der Biografie Tyndalls, bat mich als Deutschsprachigen um Hilfe bei einigen Briefen. So rutschte ich in das Projekt hinein. Meine Beiträge dazu sind im Vergleich zum Gesamtumfang aber äusserst bescheiden. Schade, dass die Tagebücher und Louisas Briefe unveröffentlicht bleiben. Eine wissenschaftlich edierte Anthologie dieser Dokumente wäre wünschenswert, da sie die Belalp und auch das Wallis allgemein in einem neuen historisch-kulturellen Kontext präsentieren würde.

Wenn Tyndall heute über die Belalp blickte, was würde ihn wohl am meisten erstaunen?

Die Bahnen. Tyndall bestritt den Weg von Brig zur Belalp immer zu Fuss. Die Familie Klingele vom Hotel Belalp organisierte Träger und Maultiere für ihre Gäste, doch Tyndall und seine Frau nahmen diesen Dienst nur für ihr Gepäck in Anspruch. Nach der Übernachtung im Hotel d’Angleterre in Brig gingen sie frühmorgens los. Sie stiegen von Geimen aus über das Blindtal hoch. Das Blindtal mochten die beiden besonders. Tyndall äusserte 1883 den Wunsch, dort ein weiteres Haus zu bauen, das ihm eines Tages als alter Mann als Zwischenstation dienen sollte – realisiert wurde der Bau jedoch nie. Auch der technische Fortschritt würde Tyndall erstaunen. Seine Frau erwähnte zwischen 1900 und 1912, als Tyndall längst tot war, in einem Briefwechsel mit dem deutschen Chemiker Heinrich Debus Zeppeline, Röntgenstrahlen, Flugmaschinen und Marconis drahtlose Nachrichtenübertragung. Debus wunderte sich: «Was würde Tyndall heute sagen, wenn er das noch sähe?» Ich bin sicher, Tyndall wäre begeistert gewesen.

Mit dem Kriegsausbruch 1914 kam der zuvor boomende Sommertourismus auf der Belalp von einem Tag auf den anderen zum Erliegen. Viele Briten kamen nie wieder.

1914 bat Debus Louisa in einem Brief, trotz der Geschehnisse Freunde zu bleiben. Freunde blieben sie, aber der Erste Weltkrieg hat vieles zerstört. Die früheren Gäste auf der Belalp blieben nach Kriegsende weg. Wäre der Krieg nicht gewesen, wäre die Belalp heute als Sommerdestination wohl genauso bekannt wie Zermatt. Heute ist die Belalp vor allem für den Wintertourismus bekannt, der sich erst im 20. Jahrhundert entwickelte.