Walliser Bote, 1.09.2025
Vor 60 Jahren starben am Mattmark 88 Menschen. Nun entschuldigt sich Staatratspräsident für das Unglück und dessen Bewältigung. Ausschnitte aus der Rede von Mathias Reynard.

Quelle: pomona.media
Von der Gletscherzunge ist heute vom Mattmark-Staudamm aus nichts mehr zu sehen. Von jener Zunge, welche die Saaser schon vor Jahrhunderten als launischen Drachen bezeichneten. Der Drachen, der vor 60 Jahren das Leben von 88 Arbeitern auslöschte.
Es war nachmittags um 20 nach fünf, als Tonnen von Eis und Geröll auf die Mattmark-Baustelle stürzten. Sie begruben innert Sekunden Baracken, Kantinen und weitere Installationen. Die Verschütteten konnten in den Tagen danach nur noch tot geborgen werden.
Zum 60. Jahrestag dieser Tragödie trafen sich Hunderte Leute unterhalb der Staumauer in Saas-Almagell. Kurt Regotz, Vizepräsident des Ad-hoc-Komitees der Gedenkfeier, sprach vor fast 1000 Gästen, die dem Gottesdienst beiwohnten.
Die Katastrophe von 1965 wäre wohl vorhersehbar gewesen – auch wenn das bis heute gültige Gerichtsurteil von 1972 etwas anderes sagt. Der Mattmark-Prozess und dessen Ausgang gilt in Arbeiter- und Gewerkschaftskreisen bis heute als Skandal. Zwar wurden die Hinterbliebenen entschädigt, doch richtig zur Verantwortung gezogen wurde für die Katastrophe niemand.
Die Italiener warteten seit 60 Jahren auf eine Entschuldigung seitens der Schweiz. Wohl vergeblich, wie Regotz noch während der Veranstaltung sagte: «Das Unglück würde man heute anders anschauen, als es das Gericht damals tat. Doch eine Regierung kann sich nicht für einen Gerichtsentscheid entschuldigen.»
Eine unerwartete Wendung
Doch es kam anders. Als Staatsratspräsident Mathias Reynard (SP) das Wort ergriff, lag etwas in der Luft. Was Reynard dann sagte, haben die wenigsten kommen sehen: «Im Namen der Walliser Regierung bitte ich offiziell um Entschuldigung.» Er wandte seine Worte an alle betroffenen Familien, an alle Verwandten der Opfer, «an die ganze italienische Gemeinschaft, die 60 Jahre lang gelitten hat».
Dafür erntete Reynard von den Hunderten Italienern und Schweizern tobenden Applaus. Die Walliser Regierung erkenne die Fehler der Vergangenheit an, so Reynard. Die Bewältigung der Tragödie sei unzureichend gewesen und der Mangel an Unterstützung und Begleitung sowie die anschliessenden Gerichtsverfahren hätten den Schmerz der Angehörigen noch zusätzlich verstärkt.
Gleichzeitig beschwor Reynard die Verbindung zwischen dem Wallis und Italien herauf. Die Italianità, so Reynard, sei Teil der Walliser Identität geworden.
Elly Schlein: «Extrem wichtige Worte»
Hochrangige italienische Vertreter waren für die Gedenkfeier ins Saastal gereist. Sie dankten Reynard für seine Entschuldigung. So etwa Elly Schlein. Sie ist Vorsitzende des Partito Democratico (PD) und Mitglied der italienischen Abgeordnetenkammer. Schlein sagte: «Diese Worte sind extrem wichtig für alle Familien und Angehörigen.»
Neben Schlein war auch Generalkonsulin Nicoletta Piccirillo vor Ort. Sie betonte den Beitrag der italienischen Arbeiter zum Aufbau der Schweiz von heute. Die Messe am Samstag zelebrierten die Bischöfe von Sitten und von Belluno-Feltre, Jean-Marie Lovey und Renato Marangoni.
Bereits am Freitagabend fand in Naters eine Gedenkfeier statt. Staatsrat Franz Ruppen (SVP) sagte: «Die Mattmark-Katastrophe vereinte das Wallis, die Schweiz, Italien und Europa in Trauer. Indem wir im Gedenken an diese Katastrophe zusammenkommen, bekräftigen wir, dass die Opfer niemals vergessen werden und erinnern daran, dass Solidarität, Würde und Arbeitssicherheit grundlegende Werte sind, die im Mittelpunkt unseres Engagements stehen müssen.»
Grossratspräsidentin Patricia Constantin (SP) unterstrich die Wichtigkeit des Schutzes der arbeitenden Menschen. Zahlreiche Gewerkschafter waren ebenfalls zugegen. Unia-Präsidentin Vania Alleva kritisierte die Ausgrenzungspolitik der SVP, die wieder zu einer Art des unmenschlichen Saisonnierstatuts führen würde. Für Syna-Präsidentin Yvonne Feri ist die gute Zusammenarbeit der Sozialpartner bei der Suva mit starken Arbeitssicherheitsbestimmungen und Unfallverhütung eine der wichtigen Lehren aus dieser Mattmark-Tragödie.
Der Gottesdienst am Mattmark stellte den Abschluss der Feierlichkeiten rund um 60 Jahre Mattmark-Katastrophe dar.
Die Feier soll nicht nur an die Opfer erinnern, sagt Kurt Regotz, «sondern auch daran, dass wir auch künftig Respekt haben vor der Natur und Profitdenken nicht vor den Schutz der Menschen stellen».
