«All in» am Allalin – Die Chronologie einer Tragödie

Walliser Bote, 14.04.2025

Höher, länger, schneller: Die Allalinrennen sind eine Volksabfahrt der Superlative. Am Samstag starb ein Teenager, zwei weitere Rennläufer liegen auf der Intensivstation.

Die Saison war lang in Saas-Fee. Sie begann Anfang November. Ostern ist in diesem Jahr spät. Das Wochenende davor ist für die Allalinrennen reserviert. In den vergangenen Jahren war die Austragung öfters von Wetterpech verfolgt. Mal schneite es ununterbrochen, mal war dichter Nebel Grund für die Absage. Oder der untere Teil der Piste war durch hohe Temperaturwerte schon frühmorgens aufgeweicht. Und manchmal kam alles zusammen.

Am vergangenen Wochenende schien alles zu passen: blauer Himmel, glatte Pisten. Seit den frühen Morgenstunden standen Dutzende Helferinnen und Helfer auf der Piste im Einsatz. Saas-Fee wollte sich kurz vor Saisonende nochmals von seiner besten Seite zeigen.

Der sonnige Frühlingstag endete in einer Tragödie. Ein 18-jähriger Skirennfahrer aus dem Berner Oberland verunglückt kurz vor 11.00 Uhr tödlich. Ein 72-jähriger Mann aus der Deutschschweiz kämpft im Spital um sein Leben. Und: Bei einem zweiten Unfall stürzt ein junger Einheimischer so schwer, dass er auf der Intensivstation behandelt werden muss.

Zwei Tage später sitzt der Schock in Saas-Fee tief. Wie dunkle Wolken über dem Allalinhorn schwebt eine Frage über dem Gletscherdorf: Wie konnte das passieren?

Die Allalinrennen, das ist eine Abfahrt fürs Volk. Sie erstreckt sich über neun Kilometer. Vom Fusse des vergletscherten Gipfels des namensgebenden Allallinhorns bis hinunter zum Sportplatz am Dorfrand von Saas-Fee. Die Strecke ist doppelt so lang wie die Lauberhornabfahrt. Doch anders als beim längsten Skirennen im Weltcupkalender gehen in Saas-Fee vorwiegend Amateure an den Start. Manche bereiten sich mit Trainingsfahrten vor, andere reisen extra für diese längste Volksabfahrt der Welt an – aus Australien, Argentinien oder den USA.

1946 gilt als Geburtsstunde dieses Rennens. Eine Handvoll Bergführer aus dem Dorf stieg auf den Gipfel des Allalinhorns. Sie zurrten ihre Schuhe mit Lederriemen auf die hölzernen Ski ohne Kanten und fuhren los. Nur fünf Fahrer schafften es bis zum Einbruch der Dunkelheit durch das unpräparierte und vergletscherte Gelände bis hinunter nach Saas-Fee. Arnold Anthamatten, ein Skipionier aus dem Dorf und späterer Olympiasieger, brauchte etwas mehr als acht Minuten.

Dann verschwanden die Rennen wieder aus dem Veranstaltungskalender. Zu Beginn der 1980er-Jahre brachte der Skiclub Allalin die Abfahrt wieder aufs Parkett – als Rennen für das Volk.

Die 400 Teilnehmer wurden im 30-Sekunden-Intervall je zu zweit auf die Piste geschickt. «In den Engpässen wurde es dadurch ab und zu etwas eng, doch fanden die Schnelleren immer einen Weg zwischen denjenigen hindurch, die es gemütlicher nahmen», schrieb der «Walliser Bote». Das Rennen endete ohne Unfälle.

Bereits ein Todesfall im Jahr 1984

Ein Jahr später folgte die erste grosse Tragödie: Ein 21-jähriger Einheimischer verlor auf der Höhe des Restaurants Maste 4 die Kontrolle und stürzte rund 50 Meter tief. Er zog sich beim Aufprall tödliche Verletzungen zu.

2025 nahmen mehr als 450 Skifahrerinnen und Snowboarder am Einzelrennen teil. Zusammen mit den Anmeldungen für das Paar-Rennen, den Mannschaftswettkampf und die Plauschkategorie verzeichneten die Veranstalter fast 1000 Starts.

Die jüngsten Teilnehmer waren in ihrem 18. Altersjahr. Jüngere Skifahrer oder Snowboarder sind gemäss Wettkampfreglement nicht zugelassen. Nach oben gibt es keine Grenzen: Die ältesten Teilnehmer, die am Samstag über die Strecke fuhren, waren 75 Jahre alt. Das zeigt ein Blick auf die Start- und Rangliste des mit der Zeitmessung beauftragten Unternehmens Datasport.

Aus den offiziellen Unterlagen des Zeitmessers ist ebenfalls zu entnehmen: Die Teilnehmer starteten in einem Intervall von 15 Sekunden. Die in verschiedenen Kategorien unterteilten Rennfahrerinnen und Rennfahrer starteten durchmischt. Aufgrund der Unterschiede beim Alter und bei der Fahrtechnik kam es am Samstag immer wieder zu Überholmanövern.

Das ist bei einer Volksabfahrt gang und gäbe. Solche Überholmanöver kommen auch bei den beiden anderen grossen Veranstaltungen dieser Art vor: an der Inferno-Abfahrt in Mürren oder bei der Belalp Hexe.

Die Schnellsten brauchten am Samstag für die Strecke etwas weniger als vier Minuten, die Letztklassierten waren mehr als doppelt so lang unterwegs.

Wie gross die fahrtechnischen Unterschiede unter den Teilnehmenden waren, zeigen auch Bilder von Kanal9. In Zusammenarbeit mit den Veranstaltern produzierte der Lokalfernsehsender am Samstag einen fast fünfstündigen Livestream.

Das gesamte Rennen am Samstag wurde vom Lokalfernsehen Kanal9 via Livestream übertragen. Zwei Moderatoren kommentierten das Geschehen. Das Wetter? «Wunderbar.» Die Bedingungen auf der Piste? «Hervorragend.»

Erster Unfall: Einheimischer stürzt im «Ritzi»

Nach anderthalb Stunden Livestream ereignete sich der erste Unfall des Tages. Ein 26-jähriger Fahrer stürzte bei der «Ritzi» genannten Stelle unterhalb von Morenia. «Ritzi» ist eine Schlüsselstelle, bei der die Fahrer mit hoher Geschwindigkeit in einer Linkskurve auf einen schmalen Ziehweg übergehen. Im Livestream waren Bilder zu sehen, wie der gestürzte Fahrer neben der Piste lag. Rettungskräfte machten ihn für den Abtransport mit dem Hubschrauber bereit. Das Rennen war ein erstes Mal länger unterbrochen. Gemäss einer am Samstagnachmittag versandten Mitteilung der Kantonspolizei erlitt der Verunfallte schwere Verletzungen und wurde mit einem Helikopter der Air Zermatt ins Spital nach Sitten geflogen.

Den Rennunterbruch überbrückten die Kommentatoren von Kanal9 mit Interviews aus dem Zielbereich. Zum Beispiel mit Kilian Burri. Der Berner Oberländer erreichte das Ziel in drei Minuten und 54 Sekunden. Wie schon im Vorjahr gewann er damit das Rennen. Er war allerdings ganze 18 Sekunden schneller als auf der gleichen Strecke im Vorjahr. Burri zeigte sich gegenüber Kanal9 entsprechend erstaunt: «Ich hätte nicht gedacht, dass es möglich ist, so schnell zu fahren.»

Burri nennt auch einige Gründe für seine Fabelzeit. Der erneute Rückgang des Gletschers etwa. Dadurch musste die Streckenführung leicht angepasst werden. Wie so oft in der über 40-jährigen Geschichte des Rennens. Vor allem aber hätten die hohen Temperaturwerte des Vortages die Piste schneller werden lassen. Der am Vortag zu Sulz geschmolzene Schnee härtete in der klaren Nacht aus und liess die Ski schneller gleiten.

Auch Arianne Wenger sprach im Ziel ins Mikrofon von Kanal9. Sie wurde bei den Damen Zweite. Auch ihr fiel auf, wie schnell die Piste in diesem Jahr war. Der Respekt fahre deshalb immer mit: «Einige Kollegen von mir hatten schon wüste Unfälle bei Volksabfahrten. Etwa bei der Belalp Hexe. Deshalb ist es vielleicht besser, mit mehr Respekt zu fahren als zu viel Risiko zu nehmen und im Spital zu landen.» Auch Snowboard-Sieger Jonas Reichmuth sprach über das Risiko. Er sagte: «Das Risiko fährt immer mit.»

Risiko, dass es zu kalkulieren gilt. «All in» am Allalin. Oder lieber zwei, drei Bremser mehr?

Tempi jenseits von 140 Kilometern pro Stunde gehören zum Allalinrennen dazu. Die Kommentatoren von Kanal9 sprachen in der Liveübertragung sogar von per GPS gemessenen Spitzenwerten von 163 km/h. Das ist schneller, als der höchste jemals bei einer Weltcup-Abfahrt gemessene Wert.

Nicht alle wollen ein solches Tempo erreichen. Viele der Fahrerinnen und Fahrer zogen auf besonders heiklen Streckenabschnitten die Bremse. Mit Stemmbögen. Aber auch mit gerutschten Schwüngen über die ganze Pistenbreite.

Die verhängnisvolle Kollision

Um kurz vor elf Uhr war das Rennen erneut unterbrochen. Die Kommentatoren im Livestream sprachen von einer «petite interruption technique» – einem kleinen technischen Unterbruch.

Zu der Zeit wussten nur die wenigsten: Unterhalb des Allalins kam es zur grossen Tragödie. Im obersten Streckenabschnitt kollidierten zwei Rennfahrer. Ein 18-Jähriger aus dem Berner Oberland stirbt noch an der Unfallstelle. Ein 72-jähriger Mann aus der Region Zürich erleidet lebensgefährliche Verletzungen. Die Organisatoren brachen das Rennen später ab.

Was genau passiert ist, ist Gegenstand einer laufenden Untersuchung. Die Staatsanwaltschaft Wallis hat eine Untersuchung eröffnet. Aus den Startlisten geht aber hervor: Der junge Berner Oberländer startete 62 Sekunden später als der Mann aus der Region Zürich.

In Saas-Fee ist die Bestürzung gross. Das Organisationskomitee der Allalinrennen versendete am Montagabend eine Pressemitteilung. Darin steht: «Unser tiefstes Mitgefühl gilt der Familie, den Freunden und Angehörigen des verstorbenen Teilnehmers.» Den verletzten Sportlern wünschen die Organisatoren eine rasche und vollständige Genesung.

Aufgrund der laufenden Ermittlungen der Staatsanwaltschaft können die Organisatoren keine weiteren Auskünfte erteilen, heisst es im Communiqué.

Mal führten Nebel, Schneefall oder weiche Pisten zur Absage der Allallinrennen. Mal kam auch alles zusammen. So wie vergangenen Samstag, als sich kleine Puzzlestücke zu einer grossen Tragödie verbanden.