Walliser Bote, 30.10.2024
Mehr als 60 Jahre lang lebten die Salamins mitten im Pfynwald. Doch nun muss das Haus weg. Manuela Salamin verliert ihr Zuhause.

«Ich bin traurig, dass sie mich nicht hier wohnen lassen», sagt Manuela Salamin mit Tränen in den Augen. «Ich würde gerne hier bleiben, wegen meiner Krankheit, doch sie lassen mich nicht.»
Manuela Salamin ist 59 Jahre alt und leidet an Gebärmutterkrebs. Sie sitzt vor dem Haus auf einer Bank. Sie beobachtet die Vögel, die einige Meter daneben in einem Vogelhäuschen ihr Futter picken. Es sind genau diese Tiere und die idyllische Ruhe und Freiheit rund um das Haus, die Salamin so sehr vermissen wird. Denn das Haus steht vor dem Abriss. Dies berichtete Kanal 9 am Montagabend.
Das Haus befindet sich mitten im Pfynwald, im Gebiet Millieren. Rundherum Bäume, deren Laub vom Herbst golden gefärbt ist. Ganz in der Nähe hoppeln zwei Häschen durch den Wald, abgesehen von Vogelgezwitscher und dem leisen Sausen des Windes steht alles um das Haus herum still. Doch die Ruhe trügt – schon bald fahren im Naturschutzgebiet Pfynwald Bagger auf.


Denn das Gebäude befindet sich in der Landwirtschafts- und in der Schutzzone von nationaler Bedeutung. Und ist illegal, so die Kantonale Baukommission (KBK). Die KBK ist für Bauten ausserhalb der Bauzone zuständig. Sie hat die Salamins mehrfach aufgefordert, das Haus zu räumen. Das Haus, in dem Manuela Salamin alleine lebt. Das Haus, in dem sie aufgewachsen ist. Doch das Haus hat keine Baubewilligung.
Salamins Eltern erbauten das Haus im Jahr 1963. Beide arbeiteten auf dem unweit daneben liegenden Hof. Mutter Martina führt heute die Buvette beim Ermitage im Pfynwald, Vater Charles ist vor zwei Jahren verstorben. Fünf Jahre habe der Bau gedauert, sagt Manuela Salamin. Während des Baus schlief die Familie in einem Zelt – auch im Winter. Salamin ging zu Fuss nach Salgesch in die Schule, wobei ihre Mutter sie über den Rotten trug, wenn denn das marode Brücklein wieder einmal weggeschwemmt wurde. Fliessendes Wasser hatten die Salamins erst in den 1970er-Jahren. Bis dahin führte der Weg zum Brunnen nur über einen fast einstündigen Fussmarsch nach Siders.
An diesem Dienstagvormittag ist Salamin unterwegs. Sie fährt ihre jüngere Schwester Josiane zum Arzt. Zurück zu Hause lädt Salamin ein Sechserpack Mineralwasser aus dem Auto. Auf der Haustreppe muss sie es abstellen, durchatmen. Salamin ist müde. Und schwer krank. «Ich kann nichts essen und muss mich jede halbe Stunde hinlegen.»
Seit Ende letzten Jahres arbeitet Salamin nicht mehr. Sie war als Gouvernante bei einer Siderser Familie tätig, zuvor als Pflegehilfe im Spital.
Pro Natura reichte Anzeige ein
Im Jahr 2007 begannen die Salamins mit Umbauarbeiten am Haus. Weil dafür eine Baubewilligung fehlte, reichte Pro Natura Anzeige ein. Daraufhin erliess die KBK eine Arbeitseinstellung. Woraufhin die Salamins nachträglich ein Baugesuch einreichten. Dieses lehnte die KBK im Jahr 2011 ab und stellte eine Wiederherstellungsverfügung aus. Eine Beschwerde wurde vom Staatsrat abgelehnt. Seither haben die Eigentümer immer wieder versucht, mit Wiedererwägungsgesuchen den Abriss zu verhindern. Auch liessen die Eigentümer sämtliche Fristen für den Abriss verstreichen, so die KBK.
Davon will Manuela Salamin nichts gewusst haben. Wie sie sagt, habe sie erst im Juli dieses Jahres vom Abriss erfahren. Die Verfügungen wurden jeweils an die Eigentümer, und nicht an sie, zugestellt, bestätigt die KBK. Die Eigentümer sind Mutter Martina Salamin und Schwester Josiane Hilty-Salamin. Manuela Salamin weiss mittlerweile, dass ihre Eltern seit Jahren wussten, dass das Haus illegal ist. Doch sie will nicht, dass sich ihre Mutter schuldig fühlt: «Meine Eltern haben so viel gearbeitet. Wie alle Bauern damals haben sie sich nicht um Papierkram gekümmert.»

Seit Juli hat sich Salamins Gesundheitszustand drastisch verschlechtert. Seit sie erfuhr, dass ihr geliebtes Heim abgerissen werden soll. Sie ist abgemagert, erbricht Medikamente. Und muss bis Montag das Haus räumen.
Seit Sommer 2024 hat die KBK Kenntnis davon, dass Manuela Salamin im Haus wohnt und schwere gesundheitliche Probleme hat. Die KBK schreibt: «Die KBK hat die Baupolizei umgehend instruiert, die zuständige Gemeinderätin für Sozialwesen mit der Suche einer Wohnung für Frau Manuela Salamin zu beauftragen.»
Raus aus dem Haus, zurück ins Spital
Vor einigen Wochen war die Baupolizei zwecks Ortsschau auf Platz. Gemäss KBK hat sich Salamin zu diesem Zeitpunkt bereit erklärt, ihre persönlichen Sachen bis Ende Oktober zu räumen. In der Zwischenzeit wurde die Frist bis nächsten Montag verlängert.
Salamin will nicht weg. Aber sie muss: Am nächsten Dienstag muss sie ins Spital zurück, aus dem sie gerade erst zurückgekehrt ist. Salamin sagt: «Ich war am Montag beim Arzt, die Resultate waren nicht gut.» Sie müsse sich wieder Infusionen legen lassen. «Vielleicht bin ich bald nicht mehr da, dann haben die meinen Tod auf dem Gewissen.»
Wie die KBK Salamin mitgeteilt hat, wird sie das Haus abbrechen. Die Kosten für die Durchführung dieser sogenannten «Ersatzvornahme» werden Salamin auferlegt. Diese fürchtet, dass ihre Familie gar noch den Boden verlieren könnte, wenn sie die Kosten für Räumung und Abbruch nicht decken könne.

Salamin will gar nicht an den Abriss denken. Sie sagt voller Traurigkeit: «Das Haus ist meine ganze Jugend. Wir sind hier aufgewachsen. Wir haben hier gespielt, waren frei.» Das dürfe nicht wahr sein. Während der letzten Jahre im Elternhaus sei sie die «glücklichste Frau der Welt» gewesen.
Sorgen macht sich Salamin auch um ihre Tiere – einen Hund und zwei Graupapageien. «Ich weiss nicht, wohin ich sie geben soll. Ich habe Angst, dass sie draufgehen.»
Kanton lässt Recht vor Gnade walten
Salamin hat mithilfe eines Schreibens ihres Arztes darum gebeten, dass sie einige Tage länger im Haus bleiben könne. Ohne Erfolg. Die KBK verweist auf die mehrfachen Fristverlängerungen.
Gemäss KBK hat die Gemeinde Salgesch in der Nähe des Hauses eine vorübergehende Unterkunft für Salamin gefunden, in die sie auch ihre Tiere mitnehmen kann. Wohin Salamin nach ihrem Spitalaufenthalt gehen wird, weiss sie noch nicht. Ihr sei zwar ein Zimmer angeboten worden, doch noch sei sie unentschlossen.
Bis Montag sortiert Salamin – sofern sie dafür die Kraft hat – ihre Sachen. Und geniesst die letzten Tage der Ruhe. Bis die KBK das Haus im Wald dem Erdboden gleichmacht.
Das Familienhaus der Salamins wird «je nach Witterung» im November oder Dezember dieses Jahres abgerissen, teilt die KBK mit.


