Walliser Bote, 08.05.2025
Am 8. Mai 1945 schweigen die Waffen in Europa. Nach fast sechs Jahren Krieg. Noch heute erinnert der Simplonadler an die dunklen Zeiten.

Am Abend des 8. Mai 1945 läuteten in der ganzen Schweiz die Kirchenglocken. Erleichtert feierten die Menschen das Kriegsende. Am Tag zuvor hatte die übrig gebliebene Führung des deutschen Militärs – Hitler war bereits seit einer Woche tot – im obersten Hauptquartier der alliierten Expeditionsstreitkräfte im französischen Reims die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht unterzeichnet.
Nächsten Tages bejubelte Europa frenetisch das Ende des Zweiten Weltkriegs. Zumindest auf dem europäischen Kontinent – der Krieg im Pazifik dauerte noch bis über den Sommer hinaus. Dutzende Millionen fielen dem blutigsten Krieg der Menschheitsgeschichte zum Opfer – Soldaten, Zivilisten, ermordete Minderheiten.
Als die Menschen am Morgen des 8. Mai 1945 die Zeitung lasen, brachen sie in Freude aus. Zahlreiche Schulen blieben geschlossen, viele blieben der Arbeit fern. Die Strassen und Plätze der Grossstädte waren proppenvoll mit Menschen, die alliierte Fahnen schwenkten und den «Victory Day» ausgelassen feierten. Auch in der Schweiz, obschon diese gar nicht am Krieg teilgenommen hatte.
Inmitten der fast sechs Jahre andauernden Kriegswirren, in denen die grössten und einst stolzesten Heere der Welt aufeinandertrafen, blieb die kleine Schweiz grösstenteils unversehrt. Am Morgen des 1. September 1939 um 4.45 Uhr eröffnete das deutsche Kriegsschiff Schleswig-Holstein das Feuer auf eine polnische Garnison auf der Westerplatte bei Danzig und damit den Zweiten Weltkrieg. Nur Stunden später begann in der Schweiz die Generalmobilmachung. Die Schweiz berief sich auf ihre Neutralität.
Dass die Neutralitätserklärung allein nicht vor dem Krieg zu schützen vermochte, zeigen Beispiele anderer Länder, etwa Belgien. Und so war die Schweiz sechs Jahre lang in höchster Alarmbereitschaft. Besonders seit Sommer 1940, als der deutsche Blitzkrieg Frankreich heimsuchte und das faschistische Italien an Seiten Hitlers in den Krieg eintrat. Die Gefahr einer Invasion von Nord oder Süd war damit gross. Und mit ihr die Angst, in den Kriegsstrudel zu geraten.
Das Wallis als Teil des Réduit
Im schweizerischen Verteidigungsdispositiv nahm das Wallis eine zentrale Rolle ein. Zur Vorbereitung auf den Einmarsch fremder Truppen beschloss die Militärführung unter General Guisan den Réduit-Plan: Im Fall einer deutschen Invasion würde der Wehrmacht das Mittelland überlassen, während sich die Schweizer Armee und die Bevölkerung zu einem grossen Teil ins Alpenmassiv zurückgezogen hätten. Die Schweizer Alpen, sie waren voll von Festungen.

Eine davon war die Simplonfestung in Naters. Dort war die Artillerie der Gebirgsbrigade 11 untergebracht. Ihre Aufgabe: die Verteidigung des Simplons. Für den Fall Süd, wenn die Italiener angegriffen hätten. Aber auch für den Fall Nord, wenn etwa deutsche Luftlandetruppen versucht hätten, den Simplontunnel zu erobern. Das Unterwalliser Pendant zur Gebirgsbrigade 11 war die Festungsbrigade 10. Sie war mit der Verteidigung des Grossen Sankt Bernhard betraut.
Der Simplontunnel galt als extrem wichtiger strategischer Punkt: insbesondere für Deutschland, nachdem Italien 1943 die Seiten wechselte und die Wehrmacht Norditalien besetzte. Durch den Simplontunnel transportierten die Deutschen wichtige Güter wie Erz und Öl, um die Front in Italien zu versorgen. Deutschland hatte grosses Interesse daran, die Nord-Süd-Transitachse weiter nutzen zu können. Die Verbindungen durch den Gotthard oder den Simplon waren mitunter ein Grund für Hitler, die Schweiz nicht anzugreifen.
«Aus hartem Walliser Granit hält ein Adler Wacht»
Während das Schweizer Militär wachsam über die Landesgrenzen hinaus blickte, errichtete die Gebirgsbrigade 11 auf dem Simplonpass im Jahr 1944 ein Soldatendenkmal. Der grosse Steinadler erinnert bis heute an den Dienst der Soldaten auf dem Simplon. Nach der Einweihung des Denkmals schrieb der «Walliser Bote» am 12. September 1944: «Bei rieselndem kalten Regen hatten sich die Vertreter der Gebirgsbrigade am letzten Sonntag eingefunden. Das Wetter passte zum Kriegsdenkmal, das sich rechts vom Hospiz erhebt: aus hartem Walliser Granit hält ein Adler Wacht.»

Die Gebirgsbrigade 11 wurde später in Grenzbrigade 11 umbenannt. 1994 wurde sie aufgelöst. Was von ihr geblieben ist, ist der Simplonadler. Und die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg. Auf dem Sockel des Denkmals prangen folgende Worte: «In der Freiheit der Berge steht es, ein wuchtiges Mal aus hartem Granit: Ein Gedenken treuer Pflichterfüllung, ein dauerndes Mahnen, willig und wach zu sein für unsere Freiheit.»
