Walliser Bote, 26.04.2025
Die deutsche Wehrmacht wollte den Simplontunnel in die Luft jagen. Doch der Walliser Zöllner Peter Bammatter und italienische Partisanen vereitelten die Tat.

Der Simplontunnel war mit knapp 20 Kilometern der längste Eisenbahntunnel seiner Zeit. Jeden Tag fahren Hunderte Züge durch den Simplontunnel. Dieser wurde 1906 eröffnet. Und hat dem zuvor durch die Berge so eingeschlossenen Wallis ein Tor zum Süden geöffnet.
Seither haben Millionen von Menschen und noch mehr Güter die Alpen durch den Simplontunnel durchquert. Die Bedeutung des Simplontunnels, sie ist schier unermesslich. Sowohl für das Wallis als auch für Norditalien. Doch vor genau 80 Jahren stand der Simplontunnel kurz vor seiner Zerstörung.
In der Nacht vom 21. auf den 22. April 1945 vereitelten italienische Partisanen die Sprengung des Simplontunnels durch die deutsche Wehrmacht. Und mittendrin ein Walliser.
Rückblick auf den Herbst 1943
Alliierte Truppen landen in Süditalien. Nur wenige Tage später schliessen Italien und die Alliierten einen Waffenstillstand. Das lässt Deutschland nicht auf sich sitzen. Die Wehrmacht erobert kurzerhand Norditalien. Deutsche Fallschirmjäger befreien Benito Mussolini, der bereits im Juli gestürzt wurde, aus der alliierten Schutzhaft. Adolf Hitler errichtet die Republik von Salò und setzt Mussolini an deren Spitze. Währenddessen kämpfen sich die Alliierten immer weiter von Süden nach Norden vor.
Zur gleichen Zeit macht sich in ganz Italien der Widerstand gegen Faschisten und Nationalsozialisten breit. Die Partisanen – Widerstandskämpfer aller politischer Couleur – kämpfen gegen die Nazifaschisten. Im Sommer 1944 nehmen die Alliierten Rom ein. Es folgt eine Partisanenoffensive. Im Herbst sind die Deutschen und Faschisten aus dem Ossolatal im Norden Italiens vertrieben. Die Partisanen rufen die freie Republik Ossola aus. Doch nach nur 40 Tagen erobert die Wehrmacht das Ossolatal zurück und setzt der kurzlebigen demokratischen Republik nahe der Schweizer Grenze ein jähes Ende.
Das Kriegsblatt hatte sich zu diesem Zeitpunkt längst gewendet. Die Rote Armee war auf deutsches Territorium vorgestossen. Das Ende des Dritten Reiches – eine Frage der Zeit.
Im letzten Kriegswinter ist die taktische Weisung aus Berlin klar: verbrannte Erde. Will heissen: Die Wehrmacht weicht immer weiter zurück, den Alliierten soll nur Schutt und Asche überlassen werden. Auch im Ossolatal. Ein deutsches Pionierdetachement hält sich in der Region auf. Es hat Brücken repariert, die während der Auseinandersetzung mit den Ossolarepublik-Partisanen zerstört wurden. Güterwagen erreichen den Bahnhof in Varzo, beladen mit Marinemunition. 32 Tonnen Sprengstoff sind darin enthalten, weiss Raphael Rues. Er ist Historiker und spezialisiert auf das Tessin und die deutsch-faschistische Präsenz in Norditalien. Rues hat intensiv zum «Showdown am Simplon», wie er das Ereignis nennt, geforscht.

Im Winter 1944/45 ist neben den Nazifaschisten auch Peter Bammatter im Ossolatal. Er stammt ursprünglich aus Naters, ist Vizedirektor des Schweizer Zollamtes in Domodossola. Die Bahnstrecke von Brig bis Domodossola obliegt der SBB. Diese elektrifiziert die Bahnstrecke bis Domodossola.
Viele Schweizer in der Region – Bahnangestellte, Postboten, Händler –, sie alle sind Teil eines verwobenen Spionagenetzwerkes in Norditalien. Auch Zöllner gehören dazu. Bammatter ist Hauptmann der Schweizer Armee. Und Informant für den Schweizer Nachrichtendienst. Einer seiner engsten Mitarbeiter heisst Mario Rodoni, der für die SBB arbeitet.
Bammatter hört von den Plänen der Deutschen, den Simplontunnel sprengen zu wollen. Die Tonnen von Sprengstoff sollen in eigens angelegten Minenkammern des Tunnels gebracht werden. Bammatter macht sich vor Ort ein Bild. Ein SBB-Ingenieur und Hauptmann der Armee aus Sitten namens Paul Bardet erkundet den Simplontunnel und das Vorhaben der Nazis von Brig aus. Nachts, als sich die Nazis nach Varzo zurückziehen, wagt Bardet sich in den Tunnel, rückt bis Iselle vor. Und zeichnet alles auf.
Die Schweizer schaffen es gar, eines der bis zu 150 Kilogramm schweren Marinegeschosse nach Brig zu schmuggeln. Dort wird die Munition untersucht. Der Schweizer Nachrichtendienst schätzt die Gefahr einer völligen Zerstörung des Simplontunnels klein ein: Den Nazis fehlt Wissen und Werkzeug für gezielte Bohrungen. Historiker Raphael Rues wagt 80 Jahre später gar die These, die Vorbereitungen am Simplontunnel könnten reine Beschäftigungstherapie für die Soldaten gewesen sein.

Trotzdem ist man auf der Nordseite des Simplons besorgt. Bammatter setzt sich mit den italienischen Widerstandskämpfern in Verbindung.
Die Partisanen wollen den Simplontunnel retten. Bammatter ist stets in Kontakt mit der Schweiz, informiert seine Freunde beim Nachrichtendienst. In den frühen Morgenstunden des 22. April ist es so weit: Im Schutz der Dunkelheit macht sich eine Handvoll Partisanen auf zur Garnison der Deutschen in Varzo. Dort ist ein Teil des Sprengstoffs gelagert.

Die deutschen Wachmänner leisten keinen Widerstand. Sie sind demoralisiert, kriegsmüde. Viele von ihnen sind Österreicher. Sie ergeben sich oder laufen über. Stundenlang tragen die Partisanen die Kisten voller Sprengstoff aus dem Lager. Sie entzünden den Sprengstoff, der in Flammen aufgeht. Das Feuer ist kilometerweit zu sehen. Bis in die Berge, wo die Partisanen vor Freude jubeln dürften. Die Aktion endet am frühen Morgen, ohne Tote, ohne Verletzte.
Im Dezember, Monate nach Kriegsende, werden die Partisanen in Brig geehrt. Der «Walliser Bote» schreibt am 21. Dezember 1945:
«Jene Soldaten der Festung Gondo, die im Frühling dieses Jahres an der Grenze stunden, wissen noch, dass eines Morgens eine gewaltige ‹Morgenröte› von der italienischen Seite her das Firmament durchzog: es war der Widerschein eines gewaltigen Flammenmeeres, das von jenseits der Grenze herleuchtete; Partisanen hatten das viele Tonnen zählende Sprengstoffdepot der Deutschen angezündet und dadurch die Sprengung des Südportals des Simplontunnels verhindert.»
Peter Bammatter, der Held?
Ende der 80er-Jahre hat der Schweizer Regisseur Werner Schweizer einen Dokumentarfilm über die geplante Sprengung des Simplontunnels gedreht. Auch Peter Bammatter, zu jenem Zeitpunkt 73 Jahre alt, kommt darin zu Wort. Seine Aufgabe sei es gewesen, Ohren und Augen offen zu halten, alles zu melden und vorsichtig zu sein. Die Schweiz sei im Krieg zwar neutral gewesen, sagt Bammatter, doch: «Uns war es egal, wenn der Deutsche auf die Schnauze fällt.»
Bammatter kannte die deutschen Soldaten. Zermürbt von Jahren des Krieges, führte er mit ihnen inoffizielle Gespräche; so gelangte er an Informationen. Im Gegenzug gab er ihnen Dinge, die der Nachrichtendienst auf dem Schwarzmarkt in Domodossola erworben hatte: Zigaretten, Wein oder Essen.
Auch mit dem Kommandanten des deutschen Detachements verkehrte Bammatter. Lachend erzählt er im Dokumentarfilm, wie er mit dem deutschen Leutnant eine Wette abgeschlossen habe: Die beiden wetteten um eine Kiste Champagner, ob der deutschen Ardennenoffensive Erfolg beschieden ist oder nicht. Bammatter gewann die Wette – doch den Champagner erhielt er nie. Der deutsche Offizier starb nur wenige Tage nach den Ereignissen in Varzo während des Rückzugs der Deutschen.
Erinnerungsfeier in Varzo
Am 26. April 2025 wird in Varzo des denkwürdigen Tages gedacht, an dem der Simplontunnel gerettet wurde. Die Feierlichkeit beginnt am Bahnhof Varzo und auf der Piazza XXII Aprile 1945, für deren Name das Ereignis vor 80 Jahren herhielt.
Der Tag steht ganz im Zeichen des historischen Ereignisses. Einer der Referierenden: Raphael Rues. Er gehört dem Verein und Buchverlag Insubrica Historica an. Insubrica Historica hat sich die Erforschung des historischen Erbes und die Stärkung des Bewusstseins für die Region Insubrica auf die Fahne geschrieben. Insubrica nennt sich die Region, die in der Antike von den Insubrern bewohnt wurde – Kelten, die zwischen dem Po und den voralpinen Seen im Piemont lebten. Heute versteht man unter dem Begriff die Grenzregion zwischen Norditalien und dem Tessin.
Zur Bedeutung der verhinderten Zerstörung des Simplons für das Wallis sagt Rues: «Mit seinem proaktiven Handeln hat Peter Bammatter grösseren Schaden verhindern können.» In den Archiven würden sich immer wieder lobende Worte für die Taten des Oberwallisers finden.
Taten, die verhindert haben dürften, dass der damals längste Eisenbahntunnel der Welt zerstört wird. Und damit dem Wallis sein Tor in den Süden geschlossen hätte.
