Walliser Bote, 1.2.2026
Ein Monat nach der Brandkatastrophe steht Crans-Montana im Zeichen des Ski-Weltcups. Eine Reportage aus einem Dorf zwischen Freud und Leid.

Quelle: Keystone
Ein Raunen geht durch die Zuschauerränge. Erst leise, dann immer lauter. Es schlägt um in Getöse, während Malorie Blanc durch die Tore fährt und immer schneller wird. Die Zwischenzeiten sind gut, die Zuschauer beginnen zu rufen, zu schreien. Zu johlen.
Dann erreicht Blanc die Ziellinie. Bestzeit. Die Walliserin ist ausser sich. Und mit ihr das Publikum. Es ist, als bräche ein Damm. Tausende Schweizer- und Walliserfahnen wehen wild im Wind, die Menschen geraten in Ekstase.

Quelle: Keystone
Es sind schier unbeschreibliche Emotionen, die in Crans-Montana hochgehen. Gefühlsausbrüche, voller Freude und Jubel, die so noch vor wenigen Tagen und Wochen in diesem schicksalshaften Orte keiner für möglich gehalten hätte.
Nur kurze Zeit später steht die Sensation fest: Niemand kommt an Malorie Blancs Bestzeit heran. Blanc holt mit dem ersten Platz im Super-G von Crans-Montana ihren ersten Weltcupsieg. Und das vor heimischen Publikum: Blanc stammt aus dem Dorf Ayent, das sich ganz in der Nähe befindet. Blancs Premierensieg ist Balsam auf die so sehr geschundene Walliser Seele. Ein Lichtblick in Zeiten der Trauer.

Alle fragten sich im Vorfeld des Ski-Weltcups auf dem Hochplateau, ob Freude und Jubel nur einen Monat nach der Brandkatastrophe angemessen sind. Der Katastrophe, die 40 Menschenleben kostet und mehr als hundert grösstenteils Schwerverletzte zurückliess. Viele sagten, es darf und soll gejubelt werden am Weltcup, darunter auch der lokale Tourismusdirektor Bruno Huggler. Sie sollten recht behalten.
Und trotzdem ist der Schmerz nicht verschwunden. Er wurde für einen Moment lang übertüncht.
Während das Barzettes-Stadium im Trubel versinkt, scheint sich das Leben in Crans an der Rue Centrale normalisiert zu haben. Die Hunderten Journalisten, die sich noch vor wenigen Wochen hier herumtrieben, sind weg. Nur ein Kameramann und eine Reporterin stehen vor dem Lokal, das als die Unglücksbar von Crans-Montana in die Geschichte einging: «Le Constellation».
Der Name der Bar ist verschwunden. Genauso wie die Absperrungen. Nur die Blumen, die auf der Treppe vor dem Lokal liegen, erinnern an die Schreckensnacht vor einem Monat. Es ist, als hätte man die Spuren tilgen wollen. «Es muss weitergehen», sagte Huggler gegenüber zahlreichen Medien. Fast schon gebetsmühlenartig. Immer und immer wieder dieser Satz.

Quelle: pomona.media
Und es ging weiter. «Es ist schön, dich lächeln zu sehen», sagt eine Verkäuferin einer Frau in einem Laden neben dem «Constellation». «Dans cette période triste». Die Frau kauft Blumen. Sie legt sie vor der Bar nieder, während einige Touristen vorbeigehen. Ein Mann hält vor dem Lokal inne. Es ist ein Einheimischer. Er will, wie viele Menschen im Dorf, nicht oder nicht mehr mit den Medien sprechen.

Quelle: pomona.media
Ein anderer Passant schaut argwöhnisch die Reporterin und den Kameramann an. Er schüttelt den Kopf und geht weiter. Viele haben genug von den Journalisten. Sie haben Crans-Montana belagert, ausgesaugt. Sie haben viel geschrieben. Manches davon war spekulativ, teils unwürdig.
Redseliger als die Einheimischen sind die Menschen beim Barzettes-Stadium. Vor der Eingangskontrolle befindet sich ein Platz mit Essens- und Getränkeständen. Kleine Animationen werden angeboten. Aus den Lautsprechern dröhnt laute Musik. Im Hintergrund ist die Weltcuppiste zu sehen. Die ersten Vorfahrer sausen den Hang hinunter.
Auf dem Platz tummeln sich zahlreiche Fans. Einer davon ist Sergio. Er ist Teil einer fünfzehnköpfigen Gruppe, die aus dem Raum Zürich, der Ostschweiz und Graubünden kommt. Und immer wieder Skirennen schauen geht. In Crans-Montana war die Gruppe noch nie. Sergio sagt: «Wir wollten die Destination testen, ob sie was für die Weltmeisterschaft nächstes Jahr taugt.»
Die Brandkatastrophe hatte dabei keinen Einfluss auf die Pläne der Gruppe. Sergio ist Bündner und kommt selber aus einer Tourismusregion: «Wir wissen, wie wichtig es ist, dass das Leben für die Betriebe und die Menschen weitergeht.» Sergio ist gut gelaunt und schwärmt von der guten Stimmung. Trauer äussere sich bei ihm nicht wie bei anderen Leuten, sagt er: «Ich finde, man sollte das Leben feiern.» Mit Respekt, fügt er an – doch dieses Bewusstsein sei in Crans-Montana vorhanden.

Quelle: pomona.media
So verzichten Sergio und seine Freunde auch nicht aufs Jubeln und Feiern. «Wir haben noch andere Tragödien auf dieser Welt. Auch vor unserer Haustüre, wenn man etwa an den Krieg in Europa denkt. Wenn wir alle den Kopf in den Sand stecken, was haben wir dann noch?»
Trotzdem nimmt es Sergio in Crans-Montana eher gemütlich: «Ein Kitzbühel habe ich sowieso nicht erwartet. Sondern etwas Gemütliches mit Fondue, nicht ein Ballermann-Après-Ski-Fest.» Die Gruppe habe sich aufgrund der Katastrophe und der Trauer im Dorf kaum anpassen müssen.
Die Gruppe amüsiert sich prächtig. Wie viele der Fans. Sie konzentrieren sich auf das Sportliche und das Fest.

Quelle: pomona.media
Auch eine junge Familie aus dem Kanton Zug ist vor Ort. Sie hat kurzfristig entschieden, nach Crans-Montana zu reisen. Denn unter den Rennfahrerinnen befinde sich eine Bekannte der Familie. Diese muss natürlich angefeuert und bejubelt werden – Katastrophe hin oder her.
Fabian, der Familienvater, sagt, die Tragödie habe keinen Einfluss auf ihr Programm gehabt. Dass das Rahmenprogramm wegfällt, versteht er. «Es ist eine Gratwanderung. Ich hätte auch verstanden, wenn die Rennen abgesagt worden wären.» Fabian war schon vor einigen Jahren einmal in Crans-Montana. «Damals war mehr los, mehr Halligalli.» Doch so wie es jetzt sei, sei es angemessen.
Ob das auch alle Menschen in Crans-Montana teilen würden, lässt sich bezweifeln. Man trifft vorderhand zwei Arten von Menschen: Jene, die schwärmen, und jene die schweigen. Beide haben damit recht.
Die Menschen, die den Rennen beiwohnen, sie sind nicht zum Trauern hier. Sondern zum Feiern. Doch sie sind nicht die Einzigen, die am Samstag in Crans-Montana unterwegs sind.
Neben Fans und dem ganzen Skizirkus sind auch viele Touristen auf den Strassen. Manche gehen auf die Piste, viele gehen nach Hause. Es ist Samstag, Reisetag. Obwohl manche Gäste ihren Aufenthalt storniert oder verschoben haben, herrscht Hochbetrieb in der Skidestination.
Doch nicht alle fahren Ski oder gucken den Profis dabei zu. Ein Ehepaar aus dem Kanton St. Gallen ist im Dorf, um zu spazieren. Es besitzt ein Haus in Salgesch. In der Silvesternacht war es in Crans-Montana. Der Ehemann sagt: «Wir gingen kurz nach Mitternacht nach Hause und erfuhren erst am nächsten Tag aus den Medien von der Katastrophe.» Das Skirennen schaut sich das Paar nicht an. Das hätte es jedoch getan, hätte es noch Tickets oder eine Grossleinwand gegeben.
Die Rennen stattfinden zu lassen, sei die richtige Entscheidung gewesen, sagt der St. Galler. «Es ist wichtig, dass man langsam zurück ins normale Leben kommt.» Sonst müsse man ja alles absagen, auch andere Sportevents in Crans-Montana.
Ein Mann, der sein Leben in Normalität zu leben scheint, joggt im Pullover durch die Strassen von Crans. Sein Fokus gilt nur seinem Lauf. Die Welt um ihn herum ist Nebensache. Er läuft und läuft weiter, ohne zur Seite zu blicken. «Es muss weitergehen.»
Das Wetter ist am Samstag bestens. Der Nebel, der Crans-Montana am nationalen Trauertag noch eingehüllt hatte, ist weg. Die Frage ist bloss, bis wann. «Sport verbindet und weckt positive Emotionen», sagte Huggler diese Woche gegenüber dieser Zeitung. Das ist wahr – doch wie lange hält das Hoch?
Die Rennen in Crans-Montana, die im kleinen und respektvollen Rahmen gehaltene Feier – sie lässt das Dorf aufatmen. Und für einen Moment lang vergessen, was ihm widerfahren ist. Ein Lachen in einer Zeit des Weinens.
Und dass eine Walliserin, dazu noch so jung und voller Tatendrang, den Super-G gewinnt, setzt der Bitterkeit dieser Tage einen Moment purer Lebenskraft entgegen.

Quelle: Keystone
Für einen Moment scheint die Welt in Crans-Montana wieder heil. Doch nur weil jene, die schwärmen und strahlen, lauter sind als jene, die schweigen und trauern, ist sie das nicht. Freud und Leid liegen manchmal nahe beieinander.
Es sind zwei Welten, die koexistieren. Das dürfen und müssen sie.

Quelle: pomona.media
